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05. August 2010

Historiker zu Erika Steinbach: „Nichts gelernt“

 Von Hans-Hermann Kotte
Feier zu 60 Jahren Vertriebenen-Charta Foto: dpa

Historiker kritisieren die Äußerungen von BdV-Chefin Erika Steinbach zur Charta der Heimatvertriebenen.

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Steinbachs Worte

Erika Steinbach, Chefin des Bundes der Vertriebenen (BdV), wird dafür kritisiert, was sie am Donnerstag im Deutschlandfunk sagte: „1950 – der Krieg war schon fünf Jahre zu Ende. Den Westdeutschen und denen in Mitteldeutschland ging es schon wesentlich besser, aber die Vertriebenen waren die Entwurzelten. (...) Die, die Verfolgte gewesen sind im Nationalsozialismus, die waren in dieser Situation dann auch materiell besser dran als die Vertriebenen.“

Der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz und der Historiker Peter Steinbach haben heftige Kritik an Äußerungen von Vertriebenen-Chefin Erika Steinbach (CDU) zur Charta der Heimatvertriebenen geübt. „Das ist haltlos, das sind Stammtischtöne“, sagte Benz zu einem Radio-Interview Steinbachs vom Donnerstag. Darin hatte die Chefin des Bundes der Vertriebenen (BdV) behauptet, dass es entlassenen KZ-Häftlingen in der Nachkriegszeit materiell besser gegangen sei als Vertriebenen.

„Da läuft es mir eiskalt den Rücken herunter“, sagte Peter Steinbach, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. „Das ist ein kolossales Eigentor.“ Die BdV-Chefin bestätige mit solchen „bornierten“ Vergleichen die Kritiker, die ihr Geschichtsrelativismus vorwerfen.

Anlässlich des 60. Jahrestages der Charta hatte Steinbach in einem Deutschlandfunk-Interview das Dokument verteidigt. Dass sich die Vertriebenen darin damals als am schwersten betroffene Opfergruppe darstellten, müsse man aus der Zeit heraus verstehen, so Steinbach in dem Radio-Gespräch. Ehemalige Verfolgte des Naziregimes seien damals materiell besser dran gewesen als die Vertriebenen. Als Beispiel nannte Erika Steinbach ihren „Stiefgroßvater“, der mehrfach im KZ gesessen habe und 1950 in einer „riesigen Wohnung“ in Berlin gelebt habe, obwohl die Stadt sehr zerstört gewesen sei.

Man könne doch heute nicht mehr im Sinne der damaligen, von Neid und Missgunst getriebenen „Opferkonkurrenz“ argumentieren, so Wolfgang Benz vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung. „Man kann doch nicht so tun, als ob damals den politisch Verfolgten riesige Paläste errichtet worden seien.“ Benz weiter: „Das war 1950 schon Unsinn. Und heute ist es noch ärgerer Unsinn. So was hat man sich damals zugeraunt, das waren Vorurteile, das gehörte zu einem neuen Antisemitismus.“

Peter Steinbach von der Widerstands-Gedenkstätte kritisierte, dass die BdV-Chefin mit ihren Äußerungen wohl „noch eine Front zu den zurückgekehrten Regimegegnern aufmachen“ wolle. „Beim BdV hat man anscheinend nur wenig aus den Debatten der letzten Jahre gelernt.“ Man könne nicht behaupten, dass es damals den Vertriebenen am schlechtesten gegangen sei, so der Historiker. Er verwies dabei auch auf die problematischen Lebensumstände von „Displaced Persons“ und Sinti und Roma in der Nachkriegszeit.

BdV-Chefin Erika Steinbach wies Kritik an der Charta der Heimatvertriebenen am Donnerstag auch in ihrer Rede bei der Stuttgarter Festveranstaltung zum 60. Jahrestag zurück. Die Argumente der Kritiker seien ihr „nicht tragfähig genug, weil sie ganz überwiegend aus heutiger Sicht gespeist“ seien.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) wurde bei dem Festakt mit Buh-Rufen empfangen. Grund dürfte der Streit um die Besetzung des Stiftungsrats der geplanten Vertriebenen-Gedenkstätte sein. Westerwelle hatte nach Protesten aus Polen gegen die Berufung von Steinbach sein Veto eingelegt. Steinbach verzichtete schließlich, erreichte aber, dass der BdV sechs statt drei Sitze im Stiftungsrat erhielt. In Stuttgart sagte die BdV-Chefin zu Westerwelles Anwesenheit: „Es ist ein gutes Signal der Verbundenheit und der Wertschätzung, dass Sie da sind.“

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