Aktuell: Ukraine | Rosetta-Mission | Fernbus-Markt | Fußball-News | Eintracht Frankfurt | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

02. Februar 2013

Homo-Ehe: Frankreich im Glaubenskrieg um die Homo-Ehe

 Von 
Die Diskussion um die Homo-Ehe in Frankreich spaltet das Land. Foto: dpa

Staatspräsident Hollande will gleichgeschlechtlichen Paaren Ehe und Adoptionsrecht zugestehen. Doch in der französischen Gesellschaft tut sich eine Kluft auf.. „Wir haben unterschätzt, was so eine Reform auslösen kann“, gesteht ein Minister.

Drucken per Mail
Paris –  
Die Vorreiter

Als erstes Land der Welt führten 2001 die Niederlande die Homo-Ehe ein. Schwule und lesbische Paare erhalten durch die Heirat dieselben Rechte und Pflichten wie heterosexuelle Paare – einschließlich Adoption.

In Europa haben mittlerweile Belgien, Dänemark, Island, Norwegen, Portugal, Schweden und Spanien gleichgezogen.

Außerhalb Europas gibt es die gleichgeschlechtliche Ehe bisher in Argentinien, Kanada und Südafrika sowie in einzelnen Bundesstaaten Brasiliens, Mexikos und der USA.

Fünf Worte sind es nur. Aber sie tun weh, sie fressen sich ein wie Säure, sagt Frédéric. „Frankreich braucht Kinder, nicht euch“, hat man ihm ins Gesicht gesagt. Das vergisst man nicht.

„Selten ist uns Schwulen so viel offene Feindseligkeit entgegengeschlagen“, klagt Frédéric, und sollte es noch eines weiteren Beweises bedürfen, lieferte ihn das Plakat hinter ihm. „Heirat für Homosexuelle? Morgen heiratet meine Ziege“, steht da an der Wand nahe der Pariser Kirche Saint-Nicolas-du-Chardonnet. Frédérics Lebensgefährte Bernard stellt fest: „Die Anti schrecken vor nichts zurück.“

Die Anti, das sind die Gegner eines Gesetzentwurfs, über den an diesem Dienstag die Nationalversammlung abstimmen wird. Er sieht die „Ehe für alle“ vor – also das Recht auch gleichgeschlechtlicher Paare, zu heiraten und Kinder zu adoptieren. Was in den Nachbarländern Belgien und Spanien seit Jahren gesetzliche Wirklichkeit ist, werde im liberalen Frankreich kaum auf Widerstand stoßen, hatte sich Staatschef François Hollande gesagt. Doch es kam anders.

Jesus hatte zwei Väter

Ein Glaubenskrieg ist über Frankreich hereingebrochen. Abwechselnd rufen Befürworter und Gegner der Reform zu Massenkundgebungen auf. Laut Umfragen sind 57 Prozent der Franzosen dafür, dass Schwule und Lesben heiraten dürfen. Nur 45 Prozent halten es für richtig, ihnen auch ein Adoptionsrecht zuzugestehen. Unter der Regentschaft des so verbindlichen, stets auf Ausgleich bedachten Sozialisten Hollande hat sich in der französischen Gesellschaft eine Kluft aufgetan. „Wir haben unterschätzt, was so eine Reform auslösen kann“, gesteht ein Minister im Schutz der Anonymität.

Frédéric und Bernard sind für die Reform, natürlich. Winterstiefel an den Füßen, einen Tagesrucksack auf dem Rücken, demonstrieren der Geschichtslehrer und der Immobilienmakler in Paris für die Neuerung. Frédéric hat ein Plakat mitgebracht, kaum größer als ein Schulheft ist es. „Warum so viel Hass?“, steht darauf.

Rings um die beiden leuchten Schirme und Capes in allen Regenbogenfarben. Transparente künden vom Segen der Homo-Ehe und vom Humor derer, die dafür kämpfen. „Jesus hatte zwei Väter und eine Leihmutter“, belehrt ein Spruchbandträger Frankreichs mehrheitlich reformfeindliche Katholiken. Philippe schiebt einen Kinderwagen vor sich her. „Nichts drin“, sagt er lachend und wirbelt übermütig den Buggy durch die Luft. Doch dann verdüstern sich die Züge des 30-Jährigen. „Nicht, dass mein Partner und ich ein Kind wollten“, stellt Philippe klar. „Aber wir Homos wollen wie die Heteros frei entscheiden, ob wir eines aufziehen oder nicht.“

Ernst schaut auch Sandrine drein. „Ihretwegen bin ich gekommen“, sagt die Grundschullehrerin aus Straßburg und zeigt auf Yaell. Die Zehnjährige ist – ja: was? Ihr Kind? Oder doch nicht ihr Kind? Je nachdem, wie sich eine Mehrheit der Abgeordneten zu Hollandes Familienrechtsnovelle stellt?

Unbeeindruckt vom Widerstand

Der Präsident hat versichert, er werde sich vom Widerstand der Reformgegner nicht beeindrucken lassen. In der Nationalversammlung haben seine Sozialisten die absolute Mehrheit inne, anschließend muss noch der Senat zustimmen, und Ende April könnte die „Ehe für alle“ Wirklichkeit sein. „Wenn es so kommt, werde ich das Mädchen adoptieren und ihre zweite Mutter werden“, kündigt Sandrine an.

Vor 15 Jahren zog ist sie mit Yaells leiblicher Mutter zusammengezogen. Die beiden Frauen sind einander nicht nur emotional verbunden, sondern auch vertraglich, in einer eingetragenen Lebensgemeinschaft – dem Pacs, wie die französische Abkürzung lautet. Seit der Geburt des Mädchens ist Sandrine ihm eine zweite Mutter.

Vor dem Gesetz aber ist sie ihm eine Fremde. Der vom Gesetzgeber 1999 eingeführte Pacs räume ihr gegenüber dem Kind keinerlei Rechte ein, sagt Sandrine und zählt auf, was ihr alles verwehrt ist: „Ich stehe nicht im Familienbuch. Ich darf nicht in eine ärztliche Behandlung einwilligen, wenn Yaell krank wird. Ich habe beim Elternabend nichts zu sagen. Ich darf sie nicht einmal in der Bibliothek anmelden. Ich bin ein Nichts.“ Jetzt kämpft die 37-Jährige mit den Tränen. „Warum sind die Anti nur so gemein?“, bricht es aus ihr heraus. „Sie können doch weiterleben wie bisher, die Reform nimmt ihnen doch nichts weg. Wir wollen doch nur Gleichberechtigung.“

Aber auch wenn die „Ehe für alle“ heterosexuellen Paaren nichts wegnimmt: Sie rüttelt an Fundamenten, auf denen nicht wenige Franzosen ihr Leben gegründet haben, rüttelt zumal an dem Glauben, dass naturgegeben, wenn nicht gottgewollt sei, dass allein aus der Verbindung von Mann und Frau Kinder hervorgehen sollen.

Mama, Papa, Kind

„Mama, Papa, Kind“, unter diesem Motto gehen daher die Anti auf die Straße. Zu Hunderttausenden protestieren sie gegen das geplante Gesetz. Der Slogan eint konservative Katholiken, Vertreter jüdischer und muslimischer Gemeinden, Bürgermeister unterschiedlicher politischer Couleur, Eltern, die sich für unpolitisch halten. Wie die Befürworter fühlen auch sie sich bedroht. Die Vorstellung von Papa, Papa, Kind oder Mama, Mama, Kind verstehen sie als Angriff auf die Institution der Familie. Dass ihr eigenes Familienideal in der Wirklichkeit immer seltener vorkommt; dass immer mehr Ehen in die Brüche gehen; dass die Zahl der Alleinerziehenden und Patchworkfamilien wächst, blenden die Reformgegner kurzerhand aus.

„Sie wollen den Unterschied der Geschlechter aufheben! Sie wollen den Triumph des Sozialen über die Natur, die einem gleichgeschlechtlichen Paar keine Fortpflanzung erlaubt!“, liest in der Nationalversammlung Henri Guaino, der Redenschreiber des früheren Präsidenten Nicolas Sarkozy, der Linken die Leviten. Mehr als fünftausend Änderungsanträge hat die rechtsbürgerliche Opposition eingebracht, um das Gesetz noch zu Fall zu bringen. Die Linke hält dagegen, arbeitet die Änderungswünsche im Dutzend ab, dehnt die Sitzungen bis nach Mitternacht aus. Draußen vor den Toren des Palais Bourbon knien derweil orthodoxe Katholiken zum Gebet nieder. „Ich bitte Gott, dass der Gesetzentwurf nicht angenommen wird“, spricht ein Prediger in ein Megaphon. Aus Hunderten von Kehlen erklingt die Bitte ein zweites Mal.

Gesellschaftswissenschaftler bemühen sich vergebens, die Debatte zu versachlichen. Gleichberechtigung? Ein Recht auf ein Kind habe niemand, Rechte habe allein das Kind, erklärt die Soziologin Nathalie Heinrich. Sein Wohl stehe über allem. Doch im Schlachtenlärm gehen solche Argumente unter.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Umfrage

Die FR möchte auch nach wissenschaftlichen Maßstäben das Gerechtigkeitsempfinden erforschen. Dabei setzen wir auf Sie, liebe Leserinnen und Leser - und Ihre Beteiligung an einer wissenschaftliche Studie der Universität Köln.

FR-Schwerpunkt

Was ist gerecht?

Was ist gerecht?

WIRKLICH? Wie ungleich darf eine Gesellschaft sein – und was ist eigentlich Gerechtigkeit? Der große Schwerpunkt der Frankfurter Rundschau.

FR-Online: Ergänzende Informationen und ausgewählte Texte zum Thema im Online-Dossier.

iPad-App: Alle großen Stücke des Schwerpunkts - interaktiv in preisgekrönter Aufbereitung. Informationen und Bestellformular.

Zeitung: Sämtliche Analyen und Interviews im Vorteils-Abonnement - keine Folge verpassen und dabei noch anderen helfen. Das ist gerecht. Bestellformular.

Wie würden Sie Deutschland gerechter machen? Gibt es eine Ungerechtigkeit, der die Frankfurter Rundschau unbedingt nachgehen sollte? Reden Sie mit - auf unserer interaktiven Webseite.

STUDIE! Die FR möchte auch nach wissenschaftlichen Maßstäben das Gerechtigkeitsempfinden erforschen. Nehmen Sie teil an unserer Umfrage!

Videonachrichten Politik
Meinung