Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flucht und Zuwanderung | USA nach der Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

12. Juli 2010

Homöopathie: Angriff auf die sanfte Medizin

 Von Steven Geyer
Rein natürlich sind die Zutaten der homöopathischen Medizin. Ob sie nun wirklich hilft oder nicht, konnten Studien bislang noch nicht ergründen.  Foto: dpa

Sollte Alternativmedizin bezahlt werden? Mit seinem Vorstoß, die Homöopathie als Kassenleistung zu streichen, hat Karl Lauterbach eine heiße Debatte über Sinn und Unsinn von Naturheilverfahren aus. Von Steven Geyer

Drucken per Mail
Homöopathie

Unter dem Begriff werden oft verschiedene "alternative" Therapien zusammengefasst. Im engeren Sinn meint Homöopathie die 1796 begründete Methode, "Gleiches mit Gleichem" zu heilen und dazu Giftstoffe "unendlich" zu verdünnen. Ihr Einsatz ist umstritten.

Auch pflanzliche Mittel werden jedoch oft als "homöopathisch" bezeichnet. Der Bundesausschuss der Kassen und Ärzte listet über 40 Erkrankungen auf, für die Mittel etwa mit Ginkgo oder Mistel "Therapiestandard" sind. Die Kosten für solche Mittel werden dann von Kassen übernommen. (sgey)

Berlin. Mit der Forderung, den Krankenkassen die Finanzierung von Homöopathie zu verbieten, hat SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach eine Debatte über die Bezahlung von Alternativmedizin ausgelöst. Sowohl ein Ärzte- und Kassensprecher als auch der oberste Medizinprüfer Deutschlands sprachen sich ebenfalls gegen Homöopathie aus.

Laut CDU-Gesundheitsexperten Jens Spahn ist auch die Union bereit, die Bezuschussung der Alternativmedizin in Frage zu stellen. "Wir haben Wahltarife für Homöopathie seinerzeit auf Wunsch von SPD und Grünen eingeführt", sagte Spahn der FR. "Sollte die SPD veränderungsbereit sein, können wir sofort darüber reden."

Die Grünen lehnen eine generelle Herausnahme von Naturheilverfahren aus der gesetzlichen Krankenversicherung dagegen ab. Fraktionschefin Renate Künast sagte der FR: "Die pauschale Kritik an der Homöopathie verkennt, dass selbst die Schulmedizin in vielen Fällen auf die industrielle Nachahmung vieler Heilmittel zurückgreift, die es in der Natur kostenlos gibt." Zudem stünden die Kosten für Homöopathie in keinem Verhältnis zu den gigantischen Summen, die für Schulmedizin ausgegeben würden. "Wer die Kosten im Gesundheitswesen dämpfen will, sollte sich dort um die großen Mitnahmeeffekte kümmern, die keinen praktischen Nutzen für die Patienten haben", findet die ehemalige Verbraucherschutzministerin.

Das Gesundheitsministerium war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Derzeit müssen Kassen nur in den Ausnahmefällen für Naturheilmittel zahlen, wenn diese "Therapiestandard" sind. Seit 2007 dürfen Kassen anbieten, dass Versicherte freiwillig Zusatzbeiträge zahlen, um Alternativtherapien erstattet zu bekommen.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach hatte deshalb angeregt, Homöopathie wieder aus dem Leistungskatalog der Kassen zu streichen. "Man sollte den Kassen schlicht verbieten, Homöopathie zu bezahlen", sagte er dem Spiegel. Mittlerweile erstatte mehr als die Hälfte der gesetzlichen Kassen Leistungen von Homöopathen. "Viele Patienten glauben, die Kassen zahlen nur das, was nachweisbar hilft. Deshalb adeln die Kassen mit ihrem Vorgehen die Homöopathie."

Auch der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses aus Ärzten und Krankenkassen, Rainer Hess, nennt die derzeitige Praxis "extrem unbefriedigend". Es gebe bis heute keinen Nachweis, dass Homöopathie wirksam sei. "Es hat schon viele Anläufe gegeben, die Schutzvorschrift dafür zu streichen, aber einflussreiche Politiker haben dies immer wieder verhindert."

Der künftige Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Jürgen Windeler, nannte Homöopathie "ein spekulatives, widerlegtes Konzept". Trotz unzähliger Studien sei bis heute nicht erwiesen, dass die Methode einen medizinischen Nutzen habe.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Donald Trump

Jenseits jeglicher Moral

Von  |
Donald Trump stellt sich über das Gesetz.

Für Donald Trump steht der US-Präsident über dem Gesetz. Das ist falsch. Diese Haltung könnte sich für den Multimilliardär in seinem künftigen Amt rächen. Der Leitartikel.  Mehr...

Handball-WM in Frankreich

Jeder streamt für sich allein

Von  |
Wer streamt, konnte sie jubeln sehen: Deutschlands Torhüter Silvio Heinevetter (l-r), Uwe Gensheimer und Paul Drux.

Kein herkömmlicher Fernsehsender überträgt die Handball-WM in Frankreich. Bilder gibt es nur in einem Livestream – ein Paradigmenwechsel in der Verbindung von TV und Sport. Mehr...

 

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung