Berlin. Homöopathie oder Naturheilmittel, medizinische Risiken oder Kosten-Ersparnis, Beliebtheit oder Wirksamkeit - vieles es geht durcheinander im Streit darüber, ob gesetzliche Krankenkassen für homöopathische Behandlungen aufkommen sollten. Umso aufgeregter wird gestritten.
"Mit Kanonen auf Spatzen" werde geschossen, wenn Politiker aus SPD und CDU den gesetzlichen Krankenkassen (GKV) die Erstattung von Homöopathie verbieten wollen, schmipft die Pharma-Branche. Man befinde sich im Dilemma zwischen großer Nachfrage und medizinischen Zweifeln, klagen die Kassen. Und Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) findet zwar nichts daran, wenn eine Kasse freiwillig anbietet, homöopathische Behandlungen zu übernehmen. Man werde aber diese Wahltarife "überprüfen". Das hatte auch CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn angekündigt, als SPD-Kollege Karl Lauterbach das Ende von Homöopathie auf Rezept gefordert hatte.
Samuel Hahnemann (1755-1843) entwickelte die Homöopathie, als Bakterien, Viren oder biomedizinische Messwerte unbekannt waren.
Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden. Ein Stoff, der am Gesunden ähnliche Symptome wie eine Krankheit verursacht, wird stark verdünnt Kranken gegeben. Etwa giftige Tollkirsche (Belladonna), deren Wirkung fieberhaften Infekten ähnelt. Die Naturstoffe werden in Milchzucker verrieben oder mit Wasser oder Alkohol "verschüttelt". Teils sind sie nicht mehr nachweisbar. Naturwissenschaftler sprechen von Pseudowissenschaft: In Studien schnitten homöopathische Mittel nie besser ab als wirkstofffreie Medikamente (Placebo).
Im Gegensatz zur Homöopathie lassen sich Mittel der klassischen Naturheilkunde, etwa Kamillen- oder Weidenrindenextrakt, im klinischen Doppelblindversuch sauber vom Placebo unterscheiden. Auch für Kneippkuren oder etwa die Akupunktur ist die Wirksamkeit klinisch belegt. (kal )
Die Kassen sind empört: "Es kann nicht sein, dass in der vergangenen Woche die nächste Honorarerhöhung für Ärzte diskutiert wurde und in dieser Woche Leistungskürzungen für die Versicherten", sagte Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, der FR. Barbara Sickmüller, Vize-Chefin des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie, nannte es "bezeichnend, dass Erfahrungen betroffener Patienten bei der Debatte, der die Steigbügelhalter einer Rationierungspolitik bereitwillig beispringen, außen vorgelassen werden". Die Kassen böten die Wahlleistungen an, "weil Zehntausende mit der Homöopathie gute Erfahrungen gemacht haben - und dafür zahlen." Die Streichung könnte aber nie das Defizit der Kassen auffangen. Abseits der Zusatztarife entfielen nur 0,06 Prozent der Gesamtausgaben für Arzneimittel auf homöopathische Präparate. Rund neun Millionen Euro für Homöopathie stünden mehr als 170 Milliarden Gesamtausgaben der Kassen gegenüber.
Doch Lauterbach geht es nicht um die Kosten. Er fand, die Kassen "adeln" Homöopathie zur Medizin - trotz fehlendem Wirknachweis. "Da vertraue ich unseren Medizinern, dass sie im Zweifel andere Arznei verschreiben", kontert Carola Reimann (SPD), Vorsitzende des Gesundheitsausschusses. Lauterbach vertrete in der Fraktion eine Einzelmeinung. "Rot-Grün wollte diese Option eröffnen und dabei sollte es bleiben", sagte sie der FR.
Auf der Liste der 44 Medikamente, die die Kassen bezahlen müssen, obwohl sie nicht verschreibungspflichtig sind, stehen zwar etliche rein pflanzliche Mittel - aber kein einziges homöopathisches. Ein Unterschied, den die Homöopathie-Lobby gern verwischt. Selbst die Techniker Krankenkasse, die die umfangreichsten Homöopathie-Leistungen anbietet, übernimmt im Grundtarif keine homöopathische Arznei. Diese kaufen sich etwa 1000 ihrer 7,5 Millionen Versicherten mit einem Wahltarif. Von der Gemeinschaft der TK-Versicherten getragen wird die Erstattung von homöopathischer Anamnese und Beratung - aber nur durch Schulmediziner mit Zusatzausbildung, nicht durch Heilpraktiker. Das nutzen 42.500 TK-Versicherte.
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