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Homosexuelle in Berlin: Polizei beklagt Misstrauen

Noch immer verzichten in Berlin viele Homosexuelle auf eine Anzeige, wenn sie Opfer von Gewalt werden. Vor der Parade zum Christopher-Street-Day werben Beamte für ihre Arbeit. Von Birgit Loff

Party auf der Spree im Vorfeld des CSD in Berlin.
Party auf der Spree im Vorfeld des CSD in Berlin.
Foto: afp

Berlin. Noch immer verzichten in der Hauptstadt viele Homosexuelle auf eine Anzeige, wenn sie Opfer von Gewalt werden - das ist die Jahresbilanz der Berliner Polizei im Vorfeld der Christopher-Street-Day-Parade am Samstag. Dabei gibt es in Berlin zwei hauptamtliche so genannte "Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen", was einmalig in Deutschland sei.

Im vergangenen Jahr sind nur zehn Anzeigen von Frauen und 88 von Männern eingegangen. "Eine wahnsinnig geringe Zahl", bedauert Maria Tischbier, die Ansprechpartnerin für Frauen in der Anlaufstelle für alle "Straftaten gegen die sexuelle Orientierung - schwul, lesbisch, bi, transgender". Gehe man davon aus, dass Homosexuelle etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, seien es in Berlin etwa 350.000, Touristen nicht mitgerechnet. Auch Beleidigungen sollten angezeigt werden, "nur so können wir vorbeugen". Oft seien Beleidigungen nur ein Anfang.

CSD-Parade

Zur Parade auf dem Berliner Christopher-Street-Day (CSD) am Samstag erwarten die Veranstalter rund 500.000 Besucher. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) eröffnet den Umzug, der vom Kurfürstendamm zum Brandenburger Tor führt.

Mehr als 50 Umzugswagen sind angemeldet. Der 32. Berliner Christopher-Street-Day steht unter dem Motto "Normal ist anders". (epd)

Die Anlaufstelle besteht seit 1992, ist aber erst seit 2006 auch mit einer Polizeibeamtin besetzt. Das Dunkelfeld bei Straftaten, bei denen Hass gegen Lesben und Schwule eine Rolle spielt, scheint enorm hoch zu sein. Untersuchungen zeigen, dass mindestens 90 Prozent der verbalen Angriffe und etwa die Hälfte der Körperverletzungen nicht angezeigt werden, darunter auch schwere Fälle. Die Tatorte liegen häufig in der Umgebung von Szenetreffpunkten oder Wohnungen, die Täter sind überdurchschnittlich oft männliche Jugendliche oder junge Erwachsene. Bei Raubüberfällen in der Szene rechnen viele offenbar gezielt damit, dass ihre Opfer eine Anzeige scheuen.

Die Opfer haben Angst, sich vor unkundigen Polizeibeamten outen zu müssen. Für das Misstrauen gibt es aber auch historische Gründe. Bis 1969 in der Bundesrepublik der Paragraf 175 fiel, hat die Polizei homosexuelle Männer verfolgt. Rund 50.000 saßen im Gefängnis und im östlichen Deutschland, wo Homosexualität bis 1952 strafbar war, waren es 3000.

Die beiden Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen wollen das belastete Verhältnis zwischen Homosexuellen und Polizei verbessern und Vertrauen schaffen. Sie bilden Kollegen fort und informieren in Schulen und Szenetreffs. Sie werden heute die große CSD-Parade zum Brandenburger Tor begleiten und sind noch einmal am 26. Juni bei der kleineren Transgenialen CSD-Parade von Berlin-Neukölln nach Kreuzberg dabei, um zwischen Szene und Polizeikollegen zu vermitteln.

In der Szene wissen viele gar nicht, dass es diese Ansprechpartner gibt, sagt Maria Tischbier. Das hängt damit zusammen, meint Bastian Finke von der Berliner Schwuleninitiative Maneo, dass Berlin mit seiner umfangreichen Szene ein Anziehungspunkt und Schmelztiegel mit ständigen Neuzuzügen sei. Maneo betreibt ein Überfalltelefon für homosexuelle Opfer von Gewalt und vermittelt den Kontakt mit der Anlaufstelle der Polizei, hilft aber genauso, wenn jemand keine Anzeige erstatten will.

Autor:  Birgit Loff
Datum:  18 | 6 | 2010
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