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26. April 2010

Homosexuelle in der Kirche: Schwule Liebe "verdient Rückhalt"

Wertvoll - aber auch im ethischen Sinne? Schwule Paare, hier aus Porzellan.  Foto: dpa

Kein Sex - dieses kirchliche Gebot "überfordert viele", weiß Eberhard Schockenhoff. Im FR-Interview spricht der Moraltheologe über das Verhältnis der katholischen Kirche zur Homosexualität.

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Zur Person

Eberhard Schockenhoff, 57 Jahre alt, ist Professor für Moraltheologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Der katholische Geistliche studierte in Tübingen und Rom. Von 2001 bis 2008 gehörte er dem Nationalen Ethikrat an, seither ist Schockenhoff Mitglied des Nachfolgegremiums, des Deutschen Ethikrates. jf

Herr Professor Schockenhoff, ist Homosexualität Sünde?

Die kirchliche Lehre ist differenzierter, als Sie Ihre Frage formulieren.

Eberhard Schockenhoff, 57 Jahre alt, ist Professor für Moraltheologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
Eberhard Schockenhoff, 57 Jahre alt, ist Professor für Moraltheologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Das ist gar nicht meine Formulierung, sondern die des Essener Bischofs Franz-Josef Overbeck in der TV-Sendung "Anne Will".

Er hat die kirchliche Lehre dargestellt ...

. .. und da hat er gesagt, Homosexualität sei Sünde.

Streiten wir doch nicht um Worte in der hitzigen Situation einer Talkshow! Betrachten wir lieber das, was wirklich Lehre der Kirche ist!

Nämlich?


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Erstens sagt die Kirche: Niemand darf wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Die sexuelle Veranlagung eines Menschen ist keine Frage der Moral, und ein homosexuell empfindender Mensch, nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, verdient die gleiche Achtung und Wertschätzung wie jeder andere.

So redet die Kirche aber noch nicht lange und nicht laut, oder?

Öffentlich wird leider nur wahrgenommen, was die Kirche zweitens sagt: Homosexuelle Handlungen sind in sich ungeordnet, sündhaft und daher strikt abzulehnen.

Hunger haben ist erlaubt, aber essen ist verboten?

Die Unterscheidung zwischen Veranlagung und Handlung ist vielen in der Tat zu abstrakt. Sie wird der Lebenserfahrung der Betroffenen nicht gerecht. Sie fühlen sich darum von der Kirche zurückgestoßen, ganz zu schweigen vom Unverständnis in weiten Teilen der Gesellschaft. Die Kirche muss homosexuellen Menschen eine Antwort geben, wie sie mit ihrer Veranlagung umgehen sollen.

Tut sie doch: "Kein Sex!"

Das überfordert aber viele. Und ich bezweifle, dass es das letzte Wort der Kirche sein kann, alle homosexuellen Handlungen gleich zu beurteilen, unabhängig vom Kontext. Wenn homosexuell empfindende Menschen eine feste, auf Solidarität und Dauer angelegte Beziehung eingehen, dann ist das ethisch wertvoll. Ihr Bemühen verdient Rückhalt und ein positives Echo der Kirche. Ich denke, in solchen Fällen muss das Urteil über homosexuelle Handlungen in den Hintergrund treten. Ich sage das auch, weil erkennbar immer mehr Gläubige auf Distanz zu einer kirchlichen Sexualmoral gehen, die ihnen insgesamt lebensfremd und lebensfeindlich vorkommt. Papst und Bischöfe sollten das ernst nehmen und nicht als Laxheit abtun.

Der homosexuelle Theologe David Berger hat sich am 23. April in der FR geoutet und der katholischen Kirche Bigotterie vorgeworfen: Nach außen bekämpfe sie Homosexualität, nach innen würden homosexuelle Geistliche und Mitarbeiter mit subtilem Druck gefügig gemacht. Teilen Sie seine Beobachtung?

In extrem konservativen Kreisen mag das so sein. Die Pfarrgemeinden sind zumeist durchaus aufgeschlossen gegenüber Homosexuellen.

Berger spricht ausdrücklich von den Bischöfen. Manche sollen gar behaupten, homosexuelle Priester gebe es in ihren Bistümern nicht. Ein "Programm der Unehrlichkeit" nennt Berger das.

Sicher erhöhen Bischöfe mit einer solchen Position die Gefahr, dass die Betroffenen sich verstellen und verstecken müssen. Manche in der Bischofskonferenz sagen, homosexuelle Männer könnten nicht zu Priestern geweiht werden, weil die ehelose Lebensform im Zölibat für sie ja kein Verzicht sei. Die meisten Bischöfe dagegen sehen - wie ich finde, zu Recht - im Zölibat eine Form des Einsatzes für die Glaubensverkündigung, unabhängig von der sexuellen Orientierung. Enthaltsam leben, ohne Sex - damit tun sich Homosexuelle genauso leicht oder schwer wie Heterosexuelle.

Interview: Joachim Frank

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