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Honduras: Chronik eines angekündigten Todes

Honduranische Soldaten erschießen einen Jungen auf einer friedlichen Demonstration: Der Schuss trifft seinen Hinterkopf. Der Putsch, den die Putschisten nicht so nennen wollen, fordert Opfer. Von Klaus Ehringfeld

Ein Anhänger von Präsident Zelaya liegt tot auf dem Boden des internationalen Flughafens, nachdem Soldaten auf ihn geschossen haben.
Ein Anhänger von Präsident Zelaya liegt tot auf dem Boden des internationalen Flughafens, nachdem Soldaten auf ihn geschossen haben.
Foto: afp

Tegucigalpa. Die letzten Sekunden im Leben von Isis Murillo waren erfüllt von Panik. Als die Soldaten auf dem Flughafen von Tegucigalpa um kurz nach 16 Uhr scharf zu schießen beginnen, dreht sich der Junge im hellblauen T-Shirt um und rennt wie Hunderte andere auch. Nach wenigen Sekunden sackt Murillo zusammen, getroffen von einer Kugel im Hinterkopf. "Ich dachte, er sei gestolpert und hingefallen, dann sah ich, dass aus einer klaffenden Wunde aus seinem Hinterkopf Blut und Hirnmasse quollen", erinnert sich der Filmemacher Walter Hernández, der nur ein paar Meter neben Isis Murillo lief.

Isis, ein 19-Jähriger mit Kindergesicht, wartet am Sonntagnachmittag wie Tausende andere am Flughafen der honduranischen Hauptstadt auf die angekündigte Rückkehr seines Präsidenten Manuel Zelaya. Eine Rückkehr, zu der es nicht kommt, weil die Putsch-Regierung um Roberto Micheletti ihm die Landung untersagt. Jener Micheletti, der sich seit mehr als einer Woche Staatschef nennt, und dessen Lieblingssatz lautet: "In Honduras gab es keinen Staatsstreich."

Hätte es in Honduras keinen Staatsstreich gegeben, dann säße Micheletti jetzt nicht im Präsidentenpalast in Tegucigalpa, wäre dies kein Putsch, dann wäre Isis Murillo jetzt nicht im Escuela-Krankenhaus aufgebahrt. Und wäre dies ein normaler demokratischer Übergang dann würde dieser Artikel nicht während einer Ausgangssperre entstehen, die jeden Tag früher beginnt.

Und liest sich die Geschichte von Isis Murillo wie die Chronik eines angekündigten Todes, nachdem Manuel Zelaya trotz Warnungen wohlmeinender Politiker an einer schnellen Rückkehr nach Honduras festhielt, Micheletti ihm zeitgleich die Verhaftung androhte und Kardinal Óscar Rodríguez Madriaga Lunte an das Pulverfass legte, als er vor einem "Blutvergießen" warnte, sollte Zelaya zurückkehren.

In seinem venezolanischen Lear-Jet aus Washington kommend gibt Zelaya per Fernsehdirektübertragung Befehle: "Wir sind in einer halben Stunde im honduranischen Luftraum. Und ich weise als Oberbefehlshaber die Streitkräfte an, mich landen zu lassen."

Diese gehorchen aber den neuen Machthabern und besetzen den Flughafen. Mehrere tausend Anhänger Mel Zelayas schaffen es aber an den Rand der Piste. Dort stehen schwer bewaffnete Soldaten, manche noch Kinder, getrennt nur durch einen Maschendrahtzaun von Tausenden Landsleuten, die nur die Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung wollen. Es sind Bauern mit wenigen Zähnen, junge Vermummte, andere in roten Shirts der Liberalen Partei von Zelaya.

"Plötzlich versuchten einige, den Zaun zur Landebahn einzureißen, es flogen Steine, Tränengas und die ersten Schüsse aus Richtung Landebahn", erinnert sich Carlos Alberto Reina vom "Nationalen Widerstandskomitee". "Dann wurde scharf geschossen und die Menschen fingen an zu rennen", ergänzt er und zeigt auf ein paar faustgroße Löcher in einer Mauer. Ein weiterer Demonstrant wird getötet, viele verletzt. "Asesinos, Asesinos", rufen die Menschen den Soldaten zu: "Mörder, Mörder".

Als rund anderthalb Stunden nach dem Tod von Murillo der Lear-Jet mit Zelaya an Bord am Horizont auftaucht, jubeln die Menschen und skandieren: "Mel kommt, Mel kommt". Doch sofort werden Lastwagen auf die Piste gefahren, Hubschrauber und Jagdflugzeuge steigen auf, und der Präsident dreht ab Richtung Nicaragua. Aus Zelaya, dem Präsidenten ohne Amt ist Zelaya der Präsident ohne Land geworden.

Die Putschisten greifen zu exzessiver Gewalt, weil sie sich zunehmend in die Enge getrieben fühlen, sagt der politische Beobachter Manuel Torres: international isoliert, von allen Wirtschaftshilfen abgeschnitten, bedrängt von einem gestürzten Präsidenten. Und jetzt auch noch von einem wütenden Volk.

Offenbar sehen jetzt auch die einflussreichen Unternehmer ein, dass der Putsch das Land an den Abgrund führt. Einige Unterstützer des Staatsstreichs wenden sich jetzt ab, ergänzt Torres. "Bald haben sie niemanden mehr, auf den sie bauen können".

Autor:  Klaus Ehringfeld
Datum:  6 | 7 | 2009
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