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Politik
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20. Dezember 2011

Horst-Eberhard Richter: Der Ermutiger ist tot

 Von Pitt von Bebenburg
Horst-Eberhard Richter: 1923 - 2011.  Foto: dpa

Der Psychoanalytiker und Vordenker der deutschen Friedensbewegung, Horst-Eberhard Richter, ist tot. Zu Richters bedeutendsten Werken gehört das 1979 veröffentlichte Buch „Der Gotteskomplex“. Richter hatte in Gießen ein fächerübergreifendes Zentrum für Psychosomatische Medizin aufgebaut.

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Daheim in Gießen, die Kekse standen auf dem Kaffeetisch, hat Horst-Eberhard Richter bei unserem letzten Gespräch über neue Projekte sinniert. Der kleine Mann mit dem großen Einfluss dachte diesmal an nichts Weltbewegendes. „Wenn ich mal wieder was schreibe“, sagte er, „dann über Bergsteigerei und Zermatt“.

Er hat das nicht mehr geschafft. Am Montag ist der Psychoanalytiker im Alter von 88 Jahren nach kurzer Krankheit im Kreis seiner Familie gestorben.

Richter war ein Mann für das Große und Ganze, für Demokratie und Menschenrechte, ein Vorreiter für eine politisch verstandene Psychoanalyse, ein populärer Autor und Friedenskämpfer. Vor allem aber: ein Ermutiger. Wahrscheinlich wäre auch sein Buch über das Bergsteigen zur Betrachtung über Solidarität und Gemeinsinn geworden.

Bis zum Schluss verfügte der ungeheuer produktive Richter über ein Büro der Gießener Universität im ersten Stockwerk eines kleinen Hauses. Dort stapelten sich die Bücher – neue vor allem, denn auch mit Ende 80 verfolgte er aktuelle Entwicklungen mit wachem Interesse. Auf US-Präsident Barack Obama setzte Richter Hoffnungen, und mit Freude beobachtete er, wie sich gegen Stuttgart 21 eine Protestbewegung entwickelte.

Er kannte Gorbatschow und Reagan

Richter wollte immer beides: Menschen, die sich von unten für ihr Gemeinwesen einsetzen; und Köpfe, die dies in der Politik aufgreifen und sich nicht von mächtigen Interessengruppen irre machen lassen. Deswegen auch hat er viele große Namen der deutschen Politik jahrelang um seinen Tisch versammelt, wo sie in Ruhe und ohne jede Öffentlichkeit darüber nachdenken konnten, welche Mechanismen sie von ihren menschlichen Zielen abbringen.

Das Zusammenspiel von Michail Gorbatschow und Ronald Reagan zum Ende des Kalten Krieges war für ihn ein leuchtendes Beispiel. Richter kannte beide und erzählte gerne davon, wie der US-Präsident zum sowjetischen Staatschef sagte: „Wenn Außerirdische kommen und die Erde bedrohen, würden wir doch auch zusammenarbeiten.“ Und Gorbatschow entgegnete: „Wir müssen nicht warten.“

Er habe einen Fairness-Preis bekommen, „weil ich nicht zum Gegenangriff übergehe, wenn ich angegriffen werde“, erzählte Richter stolz. Es war so etwas wie sein Lebensmotto, gewonnen aus leidvoller Erfahrung.

Richter war als junger Mann aus Berlin in den Zweiten Weltkrieg geschickt worden. Als er nach Hause zurückkehrte, erfuhr er, dass russische Soldaten seine Eltern getötet hatten. Aus der Trauer und dem Schmerz entwickelte er die klare Haltung: „Ich will dafür kämpfen, dass so etwas nicht mehr passiert."

Mit dem Buch „Alle redeten vom Frieden“ wurde Richter 1982 zu einem Kopf der Friedensbewegung. Der Organisation „Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs“, deren deutschen Zweig er 1982 mitbegründete, blieb der Gießener bis zuletzt eng verbunden. Der Friedensnobelpreis, den die Organisation 1985 erhielt, machte Richter stolz.

Schon früher, Anfang der 60er Jahre, hatte Richter die Einsicht populär gemacht, dass das Leiden von Kindern eng mit der psychischen Konstellation in ihrer Familie zu tun hat. „Eltern, Kind und Neurose“ hieß sein Bestseller. Der Psychoanalyse verschaffte er neue Möglichkeiten, erst als Begründer eines Instituts für Psychosomatik an der Gießener Uni, später als Leiter des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts.

Doch über die großen Aufgaben verlor der begeisterte Ski-Langläufer Richter, der noch im hohen Alter gemächlich mit dem Auto durch Gießen fuhr, seine Umgebung nie aus dem Auge. Seinen 85. Geburtstag feierte er im schlichten Vereinsheim des Gießener Athletikclubs Eulenkopf. Seit Jahrzehnten engagierten sich Horst-Eberhard Richter und seine Frau Bergrun für das einstige Obdachlosenviertel, in dem sie für soziale Angebote sorgten – immer im Gespräch mit den Bewohnern.

Richters Hoffnung war stärker als die Verzweiflung. Die Menschen müssten „die Kraft zur Abscheu gegen Unmenschlichkeit“ bewahren, hat Richter in unserem letzten Interview gesagt. „Sie muss wachsen bei den Menschen, auch in der Politik.“

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