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Hospiz: Die letzte Insel

Axel Schiller meint, in den 18 Wochen im Hospiz sei er geduldiger geworden. "Früher waren Gespräche nach ein paar Minuten zu Ende, wenn die Menschen mich gelangweilt haben", erzählt er. Heute würde er zusehen, dass er mit den Leuten klar kommt. Auch mit den Angestellten der Krankenversicherung, über die er sich so gerne aufregt - die hätten ja an sich schon einen traurigen Job.

Von alle Mitarbeitern im Hospiz hat Christa Gustson den engsten Kontakt zu Schiller aufgebaut. Ein paar Tage nachdem er aus dem Koma erwacht ist, fragt sie ihn, ob er Eis essen gehen will. Schiller sagt, dass er dann auch kurz seine Bankgeschäfte erledigen könnte und stimmt zu.

Gemeinsam gehen sie in das Café an der Hauptstraße. Er sitzt im Rollstuhl. Sieben Jahre Krebs und Chemotherapie haben Spuren hinterlassen. Die Wangen sind eingefallen, die Haare dünn, seine Kleidung füllt er kaum noch aus. Die anderen Gäste starren ihn an. Schiller scheint das nicht zu stören. Warum seine Frau, noch immer zu Besuch komme, obwohl sie getrennt sein, fragt ihn Gustson. Schiller will es nicht wissen: "Es gibt zwei mögliche Antworten: aus Mitleid oder weil sie mich noch liebt. Beides könnte ich nicht ertragen." Bis zu diesem Tag konnte Gustson immer verdrängen, dass Schiller erst 43 Jahre alt ist. Doch an diesem Nachmittag wird ihr klar: "Scheiße, das ist zu früh."

Im Durchschnitt bleiben Sterbende drei Wochen im Hospiz. Wenig Zeit für die Pfleger, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Wenn ein Bewohner, wie Axel Schiller, über Monate bleibt, ist das anders. An Gustsons letztem Arbeitstag vor ihrem Sommerurlaub verabschiedet sie sich von Schiller. Diesmal nicht nur bis morgen, sondern für drei Wochen. Schiller schaut in den Fernseher und sagt: "Dann sehen wir uns danach wieder - oder wir sehen uns nicht mehr."

Axel Schiller stirbt am 26. Juli 2008.

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Autor:  DANIEL ETTER
Datum:  11 | 11 | 2008
Seiten:  1 2
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