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Hospiz: Die letzte Insel

Vom Ende eines Lebens in einem Kölner Hospiz.

Keine Reden, kein "trallala, es ist schade, dass Du so früh schon von uns gegangen bist" von einem Pfarrer, der ihn nie gekannt hat. "Klappe zu, Sarg verbrennen, meiner Frau die Urne übergeben. Basta." So stellt sich Axel Schiller seine Trauerfeier vor.

Was er dabei anziehen wird, weiß er auch schon: braune Schuhe, einen grauen Anzug, eine graue Krawatte, ein weißes Hemd mit Manschetten und eine teure Uhr; nicht zu teuer, denn das wäre Verschwendung. Er hofft, auf dem Friedhof Ruhe zu finden: "Nicht dass da eine Party abgeht, und ich bin falsch gekleidet."

Schiller verfällt oft in Ironie, wenn er über seinen Tod spricht. Er ist 43 Jahre alt, hat Lymphdrüsenkrebs mit Metastasen im ganzen Körper und wird nicht mehr lange leben.

Im März ist Schiller aus seiner Wohnung in das Hospiz St. Hedwig im Kölner Süden umgezogen. Von allen Gästen wohnt er am längsten hier. Inzwischen sind es 18 Wochen. Schon in den ersten Tagen hat er sich sein Zimmer eingerichtet, als wollte er länger bleiben. Die CD-Sammlung steht in einem Regal an der Eingangstür. An der Wand gegenüber seinem Bett hängen drei gerahmte Bilder seiner zehnjährigen Tochter. Auf einem ist sie in einem Weihnachtsmannkostüm auf der Titelseite einer Fernsehzeitschrift zu sehen, auf einem anderen ist sie als Engel verkleidet. Sie arbeitet hin und wieder als Kindermodell. Schiller erzählt gerne von ihren Erfolgen - und von seinen eigenen: der Karriere, den Autos und den Einladungen in teure Restaurants.

Rechts neben den Fotos seiner Tochter hängt ein Plakat, auf dem ein rauchende, junge Frau zu sehen ist - eine Erinnerung an die Zeit als Schiller einen Zigarrenclub geleitet hat. Später war er in der Medienbranche als Verlagsvertreter tätig. Ein wenig Geschäftsmann ist er noch immer. Neben seinem Bett hat er ein kleines Büro eingerichtet: Telefon, Fax, Laptop. Allerdings ist er skeptisch, ob das mit dem Internetzugang noch was wird bevor er stirbt.

Das Hospiz St. Hedwig ist ein zweistöckiger, verklinkerter Neubau. Axel Schiller hat ein Zimmer in der ersten Etage mit einem Balkon, auf den er in seinem Rollstuhl zum Rauchen fährt. Er sitzt oft hier. Sein Gesicht ist von der Sonne gebräunt. Ins Erdgeschoss, wo die Wohn- und Esszimmer sind, geht er nur zum Essen. An kalten Tagen brennt hier Holz im Kamin. Bei gutem Wetter kann man von der Terrasse Kindern beim Spielen im angrenzenden Kindergarten zusehen.

Im Erdgeschoss treffen die Bewohner aufeinander, reden miteinander und manchmal freunden sie sich miteinander an - so wie man sich anfreunden kann, wenn man weiß, dass man bald sterben wird. Schiller fühlt sich nicht wohl unter den anderen Bewohnern, die oft mehr als doppelt so lange gelebt haben wie er.

"Es ist traurig, dass es Hospize überhaupt gibt", meint Martin Wiegandt. Es sei am besten, wenn Menschen in vertrauter Umgebung im Kreise von Freunden und Familie sterben würden. Hospize seien Ausdruck einer Gesellschaft, in der Alte und Schwerstkranke als Belastung angesehen werden. Ein Ort, an den Sterbende abgeschoben werden.

Martin Wiegandt leitet das Hospiz, in dem Axel Schiller lebt. Hospize seien aber auch Ausdruck davon, wie sich die Sterbekultur geändert hat, sagt Wiegandt. Für den Sterbenden und die Angehörigen biete die Zeit im Hospiz die Chance, sich bewusst zu verabschieden. Der Tod werde nicht mehr in eine Ecke gedrängt und tabuisiert, sondern ihm werde bewusst begegnet. Die Zahl der Hospize in Deutschland hat sich in den vergangenen zwölf Jahren mehr als verfünffacht: 1996 gab es 29, 2007 waren es bereits 158.

Für Schiller kam ein Leben zuhause nicht mehr in Frage. Seit letztem November lebt er von seiner Frau getrennt. Alleine in der Wohnung wurde es zusehends schwierig. Nach sieben Jahren Krebs ging es rapide bergab. Er wurde vergesslich, sein Zeitgefühl verschlechterte sich und die Kraft in den Beinen ging verloren bis er eines gar nicht mehr bewegen konnte. Er stürzte immer wieder. Im Februar, beim letzten der vielen Krankenhausaufenthalte riet ihm sein Arzt zu einem Hospiz. Weitere Behandlungen schienen aussichtslos, der Tod nur eine Frage von Monaten.

Schiller hofft trotzdem, noch ein weiteres Jahr Leben anzuhängen. Im Hospiz hätte er viele Menschen überlebt, denen es besser ging als ihm, sagt er. "Man bastelt sich so seine Inseln: Ein bisschen Selbstbetrug." Die Arbeit im Hospiz, sagt Wiegandt, erinnere ihn stets daran in der Gegenwart zu leben, nichts Wichtiges zu verschieben. Bei Schiller kam diese Erkenntnis vor einer Woche als er sich nach drei Tagen ohne Bewusstsein langsam wieder in seinem Leben zwischen Rollstuhl und Krankenbett zurechtfinden musste.

Vor dem Koma war sein Zustand stabil gewesen. In Schillers Erinnerung existieren diese drei Tage nicht. Es waren Details, die ihm erzählten, dass er bewusstlos war. Details wie die Wasserflasche, die plötzlich nicht mehr rechts, sondern links neben dem Bett stand. Trotzdem haben diese drei Tage ihn verändert. Er hat vorher kaum über seinen baldigen Tod und seine Gefühle sprechen können. Erst danach hat er sich geöffnet. Mit seiner Frau hat Schiller seine Trauerfeier geplant. Mit ihr hat er abgesprochen, dass sein Leben nicht künstlich verlängert wird. Ihr hat er gesagt, was er bei der Beerdigung anziehen möchte. Bei diesem Gespräch hat er das erste Mal in Erwartung seines eigenen Todes vor ihr geweint. Seitdem nennt er sie nicht mehr "meine Ex-Frau", sondern "meine Frau". Die Trennung von ihr hätte nichts mit der Krankheit zu tun, sagt er: "Es ging halt nicht mehr." Jetzt sei die Beziehung zu ihr gut, sie komme zwei Mal die Woche mit der Tochter vorbei, man könne nicht meckern.

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Autor:  DANIEL ETTER
Datum:  11 | 11 | 2008
Seiten:  1 2
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