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Reis' Parteitag: Ich wär’ so gern ein Stier

Der Kabarettist Thomas Reis über biologische Sexbomben, aquaphobe Russen und eine Bundeskanzlerin, die im Urlaub Stalin liest.

Thomas Reis, gezeichnet von Jakob Hinrichs.
Thomas Reis, gezeichnet von Jakob Hinrichs.
Foto: J. Hinrichs

Wir sind alle wieder aus dem Urlaub zurück und jeder fragt sich: Habe ich mich eigentlich wirklich erholt? Nein, werden die sagen, die mit Familie, Partner oder noch pauschaler reisten, aber auch jene Asketen, die sich dafür entschieden, ihr stattliches Eigenheim zugunsten einer winzigen Ferienwohnung zu räumen, um sich selbst einmal näherzukommen.

Wie dem auch sei, der Urlaub ist schon wieder vorbei. Wie ist das möglich? Warum ist die Arbeitszeit stets länger als die Freizeit? Liegt das daran, dass Zeit relativ ist? Wohl kaum, denn der Mensch ist auch relativ, und zwar relativ faul. Da spricht nichts dagegen, aber warum stehen wir nicht einfach dazu, bequem und behäbig zu sein? Der Kuh macht auch keiner einen Vorwurf, dass sie denn ganzen Tag malmt, muht und gut.

Der Satiriker

Thomas Reis, 45, ist eigentlich Historiker und uneigentlich Kabarettist („Ich bin gerne Kabarettist, aber Henker beneide ich doch. Die verändern Menschen wirklich.“).
Große Erfolge erzielte er zuletzt mit seinen Programmen „Gibt’s ein Leben über 40?“ und „Machen Frauen wirklich glücklich?“. Reis (www.thomasreis.de) blickt regelmäßig in der FR auf die Ereignisse des Monats zurück.

Bühnentermine: 1./2.10. Freiburg, Vorderhaus, 8./9.10. Zürich, MGB; 15.10. Köln, Comedia; 17.10. Frankfurt, KÄS; 20.10. Leipzig, Central; 21.-23.10. Bonn, Springmaus; 27.10. Wiesbaden, PHT; 28.10. Bad Kreuznach, Loge; 30.10. Rheinbach, Stadt-Theater

Auch das Faultier hat keinen existenziellen Rechtfertigungsstress, es hängt tagelang ab, dann kommt es vom Baum und macht sein Geschäft. Ein Geschäft pro Woche, das reicht dem Faultier. Uns reicht das nicht, dabei sind wir biologisch fürs Nichtstun besser geeignet als für das Tun. Schöpfungstechnisch sind wir geradezu geschaffen für den aufrechten Müßiggang. Warum tun wir dann mehr, als wir nicht tun, obwohl wir das Tun nicht annähernd so gut beherrschen wie das Nichtstun, das ist absurd, unser ganzes Sein.

Denken Sie an die Mode, ständig sollen wir was anderes überstülpen, aber grundsätzlich ändert sich nix – etwa am Tragekomfort. Welcher perfide Sadist bringt in T-Shirts, Hemden und Pullovern stets diese perversen Nackenkratzer an? Wozu quälen wir uns und warum ist Hollands beliebtester Ausländerfeind (Wilders) ein blondierter Indonesier? Warum profiliert sich Sarrazin als Genetiker? Ich dachte immer der sei im Vorstand der Bundesbank. Gehört eine Sarazene da wirklich hin? Das war jetzt eine provokative Frage, ich spreche aus, was viele denken und wollte auch mal einen sinnstiftenden Beitrag zur Integration leisten. Das ist doch alles Wahnsinn.

Warum setzt die NRW-CDU auf Männer mit den Präfixen lau und lasch? Warum werd’ ich in der Straßenbahn nie erwischt, wenn ich einen Fahrschein habe? Woher wissen die das? Ist das Street View oder können die inzwischen sogar in meine Seele googeln? Warum läuft die Sonnenuhr nicht nachts? Weil sie sich da auflädt, klar, aber warum ist der Orbit ohne Zucker und wozu gibt’s Schuhspanner? Wen interessieren poppende Pantoffeln und warum gibt es Treuekarten im Bordell? Gibt’s, ich habe das recherchiert. Passiv! Für jede gekaufte Liebe gibt’s Treuepunkte. Vielvögler sammeln Bonusmeilen für Freischüsse und erotische Upgrades.

Biologische Sexbombe

Wir sind alle keine Engel, aber Nichtengel (No Angels), die sich ganzheitlich als biologische Sexbombe einsetzen, da sind zwei Jahre auf Bewährung nicht genug. Wer sich mit Aids infiziert, muss ins Krankenhaus und das ist wirklich gefährlich. Menschliche Sexualität, ein ewiges Rätsel. Im Tierreich ist das ehrlicher organisiert. Bei den Spinnen werden wir Männer nach dem Akt verspeist. Der Happen danach hat sich bewährt. Die Frau ist satt und der Mann aller Sorgen entledigt.

Wir Menschmännchen haben es ungleich schwerer, aber es gibt Spezies, da sind die Männer noch gelackmeierter. Rinder! Schlimm, was da kein Euter hat, dem gnade der Fleischwolf. Alle Big Macs und Doppelmoppler sind männlichen Ursprungs. Bulle klingt mächtig, ist aber der lebende Aggregatzustand von Bulette. Ochse die Vorsilbe von Schwanzsuppe, der Ochse, ein Hof-Eunuch, ein sack- und freudloses Wesen, das zeitlebens unsere Karren aus dem Dreck zieht. Stier, das klingt nach Hoden und fetten Weiden statt enger Verschläge und Neongicht; Ausfahrt zur Leistungsschau statt Viehtransporter zum Schafott; langes Leben statt plötzlichem Kindstod, Wiener Schnitzel, und am Ende ein Abgang ohne gleichen, bejubelt und beklatscht, der dramatische Heldentod auf der Bühne.

Der Stier von Tafalla, Quesero, Käsehändler, was für ein Name für den Siegfried der Wiederkäuer, Käsehändler, der Antiheld der Milchwirtschaft wuchtete sich mit der Geschmeidigkeit Shirkans, der Entschlossenheit Spartakus und der männlichen Grazie Rambos über den Doppelochser zu Ruhm und Ehre. Der Tod eines Roastbeefs im Fokus der Massen, das ist Individualität im Zeitalter der Kalbsleberwurst. Leider haben nicht alle Haustiere die Chance auf würdevolles Sterben. Warum gibt es Stierkampf nicht mit Eichhörnchen? Warum heißt es Zebra und nicht Bebra oder Abra und warum schreibt man es mit Z? Warum heißt ein Haufen lieblos zerschnittener Schweinefleischabfälle mit Essig und Öl Salat? Ist die Lyoner eine Wurstpflanze?

Warum heißt es Stuttgart 21? Die ICE-Station soll nur zehn Milliarden kosten und schon 2019 fertig sein. Warum regen sich die Schwaben auf? Es isch halt sehr teuer. Na und? Jetzt kostet das Projekt, aber später sparen wir, und zwar 38 Minuten. Bei 339 Fahrgästen und 10 Zügen sparen wir drei Monate täglich oder 91 Jahre pro Jahr, ein ganzes Menschenleben, da fragt man nicht nach dem Preis. Wir sollten auch im Hinblick auf Pakistan über unseren Geiz nachdenken. Spendet, es muss nicht gleich eine Niere sein, aber spendet, gut, in Ruanda kamen unsere Spenden den Tätern zugute, in Haiti nicht, wie auch, da gab’s die Täter erst nach der Katastrophe, aber das muss nicht immer so laufen. Nicht jeder Pakistani ist ein Taliban. Bei Islamabad denken wir weniger an Bad Islam (freundliche Seniorendeponie) als vielmehr an bad Islam (unfreundliche Sprengsätze), aber das sind Vorurteile, jetzt geht es um Menschen. Wer kleckert, dem wird gekleckert. Warum sonst sind wir Deutschen nix mehr wert? Jeder daherlaufende Brite bringt doppelt soviel wie ein Deutscher. James Milner, who the fuck is James Milner, wechselt für 30 Millionen, aber Özil wird für 15 Millionen verramscht? Der Deutsche als Billigware. Warum? Liegt es an Angela?

Warum war sie zum Urlaub in Süd-Tirol und warum hat sie Stalin gelesen und nicht Reinhold Messner (Leben am Limit) oder Adam Smith (Wealth of Nations). Was hat sie mit uns vor? Hat sie überhaupt noch was vor oder macht Guido das jetzt immer? Das wird zeitraubend, wenn jeder 18-minütigen Kabinettssitzung eine fünfstündige Pressekonferenz folgt, was dann? Gut, es gibt dringendere Fragen.

Aquaphobe Russen

Was haben alle gegen den Bildungs-Chip? Unser Gehirn hat mit dem anderen Kram schon genug zu tun. Ein bisschen Bildung ziert den ganzen Menschen und ist hilfreich, denken Sie an die dämlichen Kaffeepiraten, warum haben die eine Herde Rentner entführt? Mit Lösegeld ist da kaum zu rechnen, so sicher sind die Renten nicht. Wenn was sicher ist, dann Wettervorhersagen, aber was bringt das in Deutschland? Unsere Städte heißen nicht zufällig Regensburg oder Schifferstadt.

Wenn es bei uns nicht regnet, dann macht das Wasser mal was anderes, zum Beispiel Urlaub, aber Pakistan? Da war ich halt noch nie, murmelt die Quelle am rauschenden Bach und blubbert: Ich hab’ keine Vorurteile, aber die Russen sind aquaphob, die verpesten und verstrahlen mich, als Wasser kannst Du da nur verdampfen. Liebes Wasser, das geht nicht, Du wirst gebraucht, da brennt die Welt und Du machst Urlaub, dabei haben wir uns auf der Klimakonferenz doch geeinigt, den Anteil feuergefährlicher Stoffe im Löschwasser bis zum Jahr 2022 um 3,4 Prozent zu senken, sofern das technisch möglich ist und die Wirtschaftsbosse nicht wieder Sturm laufen für eine ökonomisch dringend gebotene Verseuchung des Trinkwassers.

Da sollte das Wasser auch mal dankbar sein, selbst wenn die Russen lieber Wodka saufen. Prost! Lasst uns alle mehr saufen und das Wasser sparen, denn wer weiß, wo es als Nächstes brennt. Zerstörung, Sünde, kurz das Böse ist mein eigentliches (Brenn-)Element, fand schon Höllenmeister Mephisto und wo kämen wir hin, wenn die Teufel auch noch Steuern zahlen müssten für ihr segensreiches Werk? Es sind nicht nur unsere Bosse, aber es dauert nicht mehr lange, dann werde ich zum Stier.

Autor:  Thomas Reis
Datum:  31 | 8 | 2010
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