Über die Grenzen des Vorstellungsvermögens: Mit einem Tsunami hatte der Betreiber des AKW Fukushima nicht gerechnet. Nein, man muss präzisieren, mit einem Tsunami dieser Größenordnung war nie gerechnet worden. Man konnte es nicht.
Beamte in Schutzanzügen untersuchen Kinder, die im Umfeld des Fukushima Daini Kernkraftwerks leben, auf Verstrahlung. Das Bild dieses kleinen Mädchens mit erhobenen Händen ging um die ganze Welt.
Foto: REUTERS
Beamte in Schutzanzügen untersuchen Kinder, die im Umfeld des Fukushima Daini Kernkraftwerks leben, auf Verstrahlung. Das Bild dieses kleinen Mädchens mit erhobenen Händen ging um die ganze Welt.
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Kriege wurden noch nie mit Argumenten geführt und werden längst durch Bilder entschieden. Jeder kennt zum Beispiel das rennende, nackte Mädchen aus Trang Bang, Vietnam, mit den Rauchwolken im Hintergrund oder den südvietnamesischen General Nguyn Ngoc Loan, der den Vietcong Nguyn Van Lem in Saigon erschießt.
Auch am Sonntag machte ein Foto Karriere: Ein vielleicht drei oder fünf Jahre altes japanisches Kind steht in Anorak und mit Mütze auf dem Kopf vor einem knienden Erwachsenen, der mit Mundschutz, Kittel, Handschuhen und abgedecktem Haar den Geigerzähler auf das Kind richtet. Das Kind hat seine Hände erhoben, auf seinem Gesicht ist Angst, aber es beherrscht sich. Es ist ein Bild der Ergebung. Es werden noch viele andere Bilder der Atomkatastrophe aus Japan kommen, auch schlimmere, aber sprechend ist dieses schon jetzt.
Das Kraftwerk Fukushima steht direkt am Pazifik, nicht weit von der aktivsten aller kontinentalen Bruchkanten entfernt, dem Ring of Fire. Mit einem Tsunami war nicht gerechnet worden, aber man muss das präzisieren: Mit einem Tsunami dieser Größenordnung war nie gerechnet worden. Man konnte es nicht. Man hat mit kleineren gerechnet. Und am Wasser soll ein Atomkraftwerk stehen, denn da kann man es gut kühlen, auch im Notfall.
Traum von der Beherrschbarkeit der Natur
Es hat nie so wehgetan, immer schon im Recht gewesen zu sein: Aber wenn man in Brokdorf auf dem Deich spazieren geht, wenn man in das Betonbecken schaut, in dem das Wasser gurgelt, das das Kraftwerk ständig mit dem Fluss tauscht, und es wird einem nicht mulmig, dann ist ein Reflex ausgeschaltet. Man schaut auf, eines der riesigen Containerschiffe zieht gerade vorüber. Es wird bald auf dem offenen Meer sein und durch meterhohe Wellen schaukeln. Wer das nicht erlebt hat, sollte sich eine Überfahrt z.B. nach New York gönnen. Man sieht den Planeten dann anders an.
Die Angst vor dem Super-GAU
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Die Angst vor dem Super-GAU
Rauch über dem Atomkraftwerk Fukushima: Der Betreiber schließt eine Kernschmelze in einem dritten Reaktor nicht aus.
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Am Montagmorgen hatte eine Explosion beim Reaktor 3 die Betonhülle des Gebäudes beschädigt. Nach Angaben der japanischen Behörden ist der Reaktor selbst jedoch intakt.
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Techniker versuchten am Montag erneut, den Reaktorblock 2 zu kühlen und leiteten Meerwasser ein. Die Brennstäbe lagen zuvor offenbar komplett trocken.
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Die Radioaktivität ist teilweise deutlich über die erlaubten Werte gestiegen, aber auch schnell wieder gefallen.
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Die Bildkombo zeigt von Google GeoEye zur Verfügung gestellte Aufnahmen des Atomkomplexes Fukushima in Japan bei Minamisoma. Oben ist die Anlage im Jahr 2004 zu sehen. Die Aufnahme unten ist nach dem Erdbeben und dem anschließenden Tsunami am Samstag (12.03.2011) vor der Explosion in einem der Reaktoren entstanden.
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Eine Mutter versucht, mit ihrer Tochter zu sprechen, die für eine Untersuchung nach dem Atomunfall in Fukushima isoliert wurde.
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Feuer im AKW. Wenn die Brennstäbe nicht gekühlt werden, steigt die Gefahr einer Kernschmelze dramatisch.
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Die Bildkombination zeigt die Explosion in Fukushima.
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Vorher - und nachher. Die Explosion ließ nur noch ein Gerippe des Reaktorgebäudes übrig.
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En nichtdatiertes Satellitenbild zeigt das Kraftwerk Fukushima vor der Katastrophe.
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Ein Kind wird auf Verstrahlung untersucht: In der Evakuierungszone rund um das AKW Fukushima sind erste Strahlenspuren an Menschen festgestellt worden. Die Angst vor dem Super-GAU wächst weiter, es gibt immer neue beunruhigende Meldungen über die beschädigten Reaktoren.
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Die Folgen des Tsunamis
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Aus mehreren Städten werden Hamsterkäufe gemeldet.
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In Tokio wird Energie rationiert.
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Der Strom wird abgestellt.
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Nur noch wenige Neonreklamen bleiben erleuchtet.
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Der Strom wird dabei für wenige Stunden abgestellt.
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Mancherorts werden so viele Todesopfer gefunden, dass es bereits zu wenig Särge und Leichensäcke gibt.
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Soldaten mit Schutzmasken in dem Städtchen Otsuchi - dort gelten 12.000 der 15.000 Einwohner als vermisst.
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Bilder der Apokalypse. Der Nordosten Japans liegt an den Küsten in Trümmern, Tausende Menschen werden noch vermisst, wie hier in der Region um Iwanuma und Watari.
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Der Nordosten Japans hatte dem schweren Beben und der anschließenden Flutwelle nur wenig entgegenzusetzen. Die Küstenregion ist völlig überschwemmt, die meisten Gebäude wurden zerstört.
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Blick auf Rikuzentakata. Die Stadt in der Miyagi-Präfektur ist von der gewaltigen Tsunami-Welle weitgehend zerstört worden.
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Während die Wassermassen tief ins Landesinnere eindringen, bitten die Menschen verzweifelt um Hilfe, wie hier in Kamiishi Stadt in der Iwate-Präfektur.
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In den Trümmern von Natori suchen Rettungskräfte nach Überlebenden der Erdbebenkatastrophe.
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Nicht nur die Atomkraftwerke des Landes wurden bei dem schweren Erdbeben beschädigt, auch Raffinerien, wie hier in Shiogama, das 220 nördlich von Tokio liegt, hielten den Eruptionen nicht stand.
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Erst das Beben, dann der Tsunami. Die Stadt Onagawa in der Miyagi-Präfektur gleicht einem Trümmerfeld.
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Satelliten-Bilder zeigen auf sehr eindrucksvolle Art und Weise, mit welcher zerstörerischen Gewalt die Flutwelle auf die japanische Küste traf. Die Bilder zeigen Kesennuma Stadt in der Miyagi-Präfektur vor und nach dem Tsunami.
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In Otsuchi in der Iwate-Präfektur spülten die Wassermassen eine Fähre auf ein Hausdach.
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Eigentlich hatte sich Hiromitsu Shinkawa (rechts) vor der Tsunami-Welle in Sicherheit gebracht, dann kehrte er ein letztes Mal in sein Haus zurück und die Wassermassen spülten seine Bleibe ins Meer. Zwei Tage lang trieb Shinkawa auf dem Dach seines Hauses, bevor ihn die Retter erreichten.
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Eine junge Frau sucht im Rathaus der Stadt Natori, Präfektur Migagi, nach Nachrichten von Freunden und Angehörigen.
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Soldaten der japanischen Armee suchen nach Opfern in der Nähe eines Schiffes, das vom Tsunami angeschwemmt wurde.
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Die Auswirkungen sind verheerend, viele Orte im Norden Japans, wie hier das Dorf Yamada, sind nur noch ein Trümmerfeld.
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Weitere Eindrücke von den Folgen des Tsunamis...
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Ein Schiff wurde in Hishonomaki mitten in die Stadt gespült. Am fünften Tag nach dem Tsunami in Japan gibt es kaum noch Hoffnung, Überlebende zu finden. Die Katstrophe hat gravierende Auswirkungen auf das Leben in Japan.
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Menschenkette gegen Atomkraft
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Menschenkette gegen Atomkraft
Laut Veranstalter überstieg die Zahl der Teilnehmer alle Erwartungen: 60.000 kamen zur Menschenkette zwischen Stuttgart und Neckarwestheim.
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Mit dabei: Cem Özdem Özdemir (l) und Claudia Roth (2.v.l) von der Partei Bündnis 90/Die Grünen auf dem Schlossplatz in Stuttgart.
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Die Grünen setzen sich seit ihren ersten Tagen für den Atomausstieg ein.
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Seite an Seite demonstrieren hier Winfried Kretschmann, grüner Spitzenkandidat bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg, und der Spitzenkandidat der SPD, Nils Schmid.
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Es folgen weitere Bilder von der Menschenkette zwischen Neckarwestheim und Stuttgart.
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Zehntausende haben mit einer Menschenkette zwischen Neckarwestheim und Stuttgart für den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie demonstriert.
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Ich kann mir vieles nicht vorstellen. Im Sommer fällt es mir schon schwer, an Frost zu denken. Ich müsste ihn eigens imaginieren. Wann eigentlich war das letzte Erdbeben in Deutschland? Am 15. Februar 2011, Stärke: 4,4. Vorstellbar, dass ein viel stärkeres auftritt, um einen Faktor hundert oder tausend stärker, denn die Richter-Skala ist logarithmisch – aber in Deutschland? Eine Riesenwelle an der unteren Elbe? Wann denn? In Fukushima lagert angeblich auch Atommüll. In Castoren, wie sie in Gorleben seit Jahrzehnten auf dem Parkplatz stehen?
Wir wissen auch nicht, wie viele Opfer Tschernobyl gefordert hat. Vielleicht gab es Chemieunfälle, die schlimmer waren. Forderte jemand deshalb das Ende der Chemie? So zerredet die gesunde Angst vor dem Atomunfall, wer der Faszination der Atomkraft erlag. Sie entstammt dem wohl ältesten Traum: dem von der Beherrschbarkeit der Natur.
Drei kosmische Beleidigungen
Nach den drei kosmischen Beleidigungen durch Kopernikus, Darwin und Freud beweist sich der Mensch, dass er das Klima ändern und dabei, O-Ton Angela Merkel, den Anstieg der Temperatur auf zwei Grad begrenzen kann. Und dass er die Kernspaltung beherrscht, obwohl der Entropiesatz sagt, dass auch ein AKW früher oder später kaputtgeht. Dass es nicht wie angenommen nur alle zehn- oder hunderttausend Jahre passiert, ist noch immer nicht bewiesen. Mit zwei Unfällen macht man keine Statistik. Oder zählt dieser mehrfach?
Japans Katastrophe
Live-Ticker, Bilder, Videos und Grafiken, Hintergründe, Spendenadressen und vieles mehr im Spezial zur Katastrophe in Japan unter fr-online.de/japan.
Wann der nächste kommt, wissen wir jedenfalls nicht. Aber vor einem Tag wie heute haben wir Atomkraftgegner immer gewarnt: Die Ruine glüht, der Wind steht auf die Menschen. Man hatte der Natur den Krieg erklärt, und es kümmert sie – natürlich – nicht, weil wir doch so ausgewählt nicht sind. Tatsächlich kämpfen wir gegen uns selbst. Es bestehen Chancen, dass es heute nicht zur totalen Katastrophe kommt. Auch Dank der unfreiwilligen Helden von Fukushima. Eine Massenpanik konnte bislang vermieden werden.
Jetzt heißt es beten, dass keiner der Behälter bricht. Es wäre reines Glück. Und danach: Abschalten. Das größte Risiko ist immer noch menschliches Versagen. Es ist auch hier der Anfang und das Ende. Dabei können wir unsere Intelligenz viel intelligenter einsetzen.
Ralf Bönt ist promovierter Physiker, er lebt als Schriftsteller in Berlin.