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Studie: Immer mehr Menschen werden dement

Studien der Krankenkasse zeigen eine dramatische Entwicklung bei Demenz-Erkrankungen − und die hohen Kosten, die daraus entstehen können.

Immer mehr Menschen sind im Alter auf Pflege angewiesen.
Immer mehr Menschen sind im Alter auf Pflege angewiesen.
Foto: dpa
Berlin –  

Alles zu vergessen und selbst die eigenen Kinder irgendwann nicht mehr zu erkennen, ist ein schrecklicher Gedanke. Doch darauf werden sich immer mehr Menschen in Deutschland einstellen müssen: Jede zweite Frau und jeder dritte Mann wird im Alter dement. Dass ergibt sich aus den hochgerechneten Daten der mit fast neun Millionen Versicherten größten deutschen Krankenkasse, der Barmer-GEK.

Aus dem am Dienstag vorgelegten Pflegereport geht hervor, dass die Zahl verwirrter alter Menschen in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten dramatisch steigen wird – von heute 1,2 Millionen auf 2,5 Millionen im Jahr 2060. „Die Zahlen zeichnen ein ungemütliches Szenario“, sagte Barmer-GEK-Vorstand Rolf-Ulrich Schlenker. Die Rechnung setzt aber voraus, dass es keinen medizinischen Fortschritt auf diesem Gebiet gibt, obwohl die Pharmakonzerne intensiv nach Wirkstoffen gegen diese Leiden forschen.

Prognose zu Demenzerkrankungen
Prognose zu Demenzerkrankungen

Hintergrund der Entwicklung ist eine immer längere Lebenserwartung. Je höher das Alter, desto größer die Wahrscheinlichkeit, gebrechlich und verwirrt zu werden. Deshalb steigt auch die Zahl der Menschen, die Pflege brauchen: 2009 waren es 47 Prozent der Männer und 67 Prozent der Frauen. 2001 hatten die Quoten bei 40 und 60 Prozent gelegen.

Altersverwirrtheit ist dabei der Hauptgrund für die Pflegebedürftigkeit. Von den Betroffenen kommen nur wenige ohne Hilfe aus: Neun von zehn Männern und Frauen mit der Diagnose Demenz bekommen auch Pflegeleistungen. Die finanziellen Auswirkungen sind gewaltig: Ein Demenzkranker verursacht laut Studienleiter Heinz Rothgang von der Uni Bremen im Jahr rund 10000 Euro mehr Kosten in der Pflege- und der Krankenversicherung als ein Gleichaltriger, der noch geistig auf der Höhe ist.

Die finanziellen Herausforderungen für die Pflegeversicherung wollen Union und FDP durch den Aufbau einer Kapitalreserve à la Riester-Rente lösen. Doch es gibt Zweifel, ob die Ergänzung des bisherigen Beitragssystems durch eine Zusatzversicherung sinnvoll ist. Auch der Bremer Sozialwissenschaftler Heinz Rothgang rechnet in dem für die Barmer-GEK erstellten Pflegereport vor, dass die Kapitaldeckung nicht als Problemlöser taugt.

„Pflege-Riester taugt nicht“

Nach Rothgangs Angaben muss spätestens ab 2014 frisches Geld zur Verfügung stehen, weil die gesetzlichen Pflegekassen dann wegen laufender Defizite in den Jahren 2012 und 2013 ihre Rücklagen aufgebraucht hätten. Hierfür nutze die geplante private Zusatzversicherung also nichts, da bis dahin nicht genügend Geld angespart sei, so der Experte.

Auch die langfristen Finanzprobleme der Pflegeversicherung können nach Ansicht des Wissenschaftlers nicht mit der Kapitaldeckung gelöst werden. Zwar sei es richtig, dass es in den Jahren zwischen 2050 und 2060 wegen der starken „Babyboomer“-Generation“ zu einem Höhepunkt bei der Zahl der Pflegebedürftigen kommt. Eine „Untertunnelung“ dieses Berges mit Hilfe einer Kapitalreserve sei aber gar nicht möglich, so Rothgang. Denn die entscheidende Größe für den Finanzbedarf der Pflegeversicherung sei der sogenannte Pflegequotient, also das Verhältnis zwischen Pflegebedürftigen und Erwerbstätigen. Doch dieser Wert werde bis 2050 ansteigen und dann wegen der geringen Geburtenrate im Wesentlichen konstant bleiben. „Das ist ein Anstieg auf ein Hochplateau und kein Berg“, so der Experte. Hier mache eine Kapital-Reserve, die schließlich irgendwann aufgebraucht sei, keinen Sinn.

Rothgang plädiert deshalb für die Beibehaltung des bisherigen Beitragssystems. Er geht davon aus, dass der Satz von heute 1,95 Prozent bis 2050 auf bis zu vier Prozent steigen müsste. „Aber auch vier Prozent Beitragssatz, wie bisher anteilig von Arbeitgebern und Arbeitnehmern übernommen, sind nicht unbezahlbar“, betonte er. Ähnlich äußerte sich auch Schlenker. Eine neue Finanzierungssäule sei derzeit nicht unbedingt erforderlich. Die bestehende Umlagefinanzierung berücksichtige die individuelle Leistungsfähigkeit der Versicherten unter fairer Beteiligung der Arbeitgeber: „Es ist das gerechteste System, das wir haben.“

Autor:  Timot Szent-Ivanyi
Datum:  30 | 11 | 2010
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