Berlin. Die Zweifel an der Praxisgebühr wachsen. Nach Ärzteverbänden und Politikern bekräftigen auch die Krankenkassen ihre Vorbehalte gegenüber der 2004 eingeführten Abgabe, die die gesetzlich Versicherten trifft. Die der Praxisgebühr zugedachte Wirkung sei "fraglich", sagte der Vizechef der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker, am Dienstag in Berlin.
Der jüngste Arztreport der Kasse zeigt, dass jeder Versicherte im Jahr 2008 insgesamt 18,1 Mal einen Arzt aufsuchte; 2007 waren es noch 17,7 Mal. Diese im internationalen Vergleich hohe Zahl sei auf "Drehtüreffekte und Doppeluntersuchungen" zurückzuführen, sagte Schlenker. Ein niedergelassener Arzt kümmere sich im Durchschnitt um 45 Patienten täglich. Deren Verweildauer beim Mediziner sei mit gerade mal acht Minuten sehr kurz. Wenn Ärzte sich für ihre Patienten mehr Zeit ließen, könnten etliche Folgetermine überflüssig werden, vermutet Schlenker.
Die Gebühr beträgt zehn Euro für jeden ersten Arztbesuch pro Quartal und wird für Kinder und chronisch Kranke sowie für Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen nicht erhoben. Sie bringt jährlich rund zwei Milliarden Euro ein - ein Volumen, das Schlenker für "schwer ersetzbar" hält. Union und FDP wollen die Abgabe demnächst auf ihre "Steuerungswirkung" hin überprüfen. Auch Ärzteverbänden ist die Gebühr wegen ihres bürokratischen Aufwands ein Dorn im Auge.
Wenn man die hohe Zahl der Arztbesuche in Deutschland beklage, "wäre zunächst einmal zu klären, welche Verantwortung die Ärzte durch zu häufiges Einbestellen tragen", sagte Stefan Etgeton vom Bundesverband der Verbraucherzentralen der FR. "Die Praxisgebühr hat sich offenbar eingespielt, daher hat sie ihre abschreckende Wirkung für viele Patienten verloren."
Etgeton warnte vor übereilten Schritten: Wer Patienten durch "finanzielle Anreize" vom Arztbesuch abhalten wolle, müsse sich darüber im Klaren sein, dass Menschen mit geringen Einkommen dann auch notwendige Behandlungen unterließen. "Das kann am Ende teuer kommen, weil Krankheiten verschleppt werden."
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