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Immer weniger Nachwuchs: Ein eigenes Kind? Nie. Oder doch?

Ungewollt schwanger, das war erstmal ein Schock

Leni Funke* aus dem Rheingau, 47, hat drei Kinder. Das vierte Kind wollte die Therapeutin nicht.

"Natürlich war ich erst einmal geschockt. Ungewollt schwanger. Keine Frau denkt, dass ihr sowas passieren kann. Ich hatte große Vorurteile gegenüber Frauen, die abtreiben mussten, und dann ist mir das selbst passiert. Alle meine drei Töchter waren absolute Wunschkinder gewesen.

Ich hatte also enorm zu knabbern und musste alle bisherigen Gewissheiten über Bord werfen. Die Pille war nie ein Thema für mich gewesen - zu ungesund. Ich hatte mein ganzes Frauenleben lang immer richtig gerechnet mit den empfänglichen und und unfruchtbaren Tagen. Und dann sowas. Schwanger wider Willen.

Noch ein Kind, da fühlte und dachte ich nur: ,Das kann ich nicht, das will ich nicht.’ Ich. Kann. Nicht. So war das. Schwer zu verstehen, doch es war übrigens auch finanziell unmöglich. Ich war arbeitslos, extrem überfordert - und ich hatte Angst.

Damals war ich auch alleinerziehend. Der damalige Partner jedoch, von dem ich das vierte Kind erwartete, war für mich da, und ebenso waren Freunde da. Nicht alleine zu sein, das zählt bei einem Abbruch. In einer derartigen Extremsituation gilt: Gegen Selbstvorwürfe, Schuldgefühle und das Bereuen hilft nur gelebte Trauer. Sonst können die Folgen eklatant mit Schlafstörungen, Wucherungen im Unterleib und anderem sein.

Alles zu verdrängen, das ist fatal.

Also habe ich darüber gesprochen, das war traurig und schmerzhaft. Und ich habe mich hingesetzt und einen Brief an dieses ungeborene Kind vor dem Abbruch geschrieben. Es hat geholfen. Ich habe dem Kind erklärt, warum es jetzt nicht auf diese Welt kommen kann. Und ich habe irrsinnig um diese Seele geweint.

Die Entscheidung war die schwerste in meinem Leben, doch es war meine.

An eine Adoption habe ich nicht gedacht. Dieser Abschied wäre noch viel schwieriger gewesen. Nach drei Kindern wusste ich ja, welche Bindung da zwischen Mutter und dem Ungeborenen in neun Monaten entsteht. Ich hätte das nicht noch einmal gepackt, auch körperlich nicht.

Der Abbruch selbst war nicht so schlimm, es war eine spezialisierte Praxis mit liebevollem Personal. Ich habe schon von Frauen gehört, die wie der letzte Dreck behandelt worden sein sollen. Und das im 21. Jahrhundert.

Ich hatte mir vorgenommen, meine Gefühle nicht zu unterdrücken, ich bin auf den Stuhl gestiegen und habe gesagt: ,Kann sein, dass ich schreie.’ Ich habe mich nur lokal betäuben lassen, und ich habe beim Absaugen geschrien. Wie bei einer Geburt. Und geweint ebenso. Es war existenziell.

Doch Moralapostel sollen mir fernbleiben.

Danach hatte ich eine Leere in mir, wie ich sie nie zuvor erlebt hatte. Die Schmerzen, ganz egal. Nein, um Kritikern vorzubeugen, kein Egoismus. Es fiel mir alles unendlich schwer.

Sich selbst zu sagen, alles ist gut, die Scham- und Schuldgefühle zu verarbeiten - das ging für mich nur, weil ich als Frau darüber sprechen konnte, weil ich heraus aus dieser Vorwurfsfalle gekommen bin.

Ich habe mich von dem Ungeborenen verabschiedet. Ich habe viele Tage geweint. Der damalige Partner hat sich grandios verhalten. Er ist mit mir zum Abbruch gegangen, er hat mich danach zuhause umsorgt, aber auch in Ruhe gelassen, als ich das brauchte. Trauerarbeit braucht Zeit. Schweigen aus Scham ist allerdings ein tödlicher Teufelskreis, wie ich schon bei anderen Frauen erlebt habe. Und schließlich haben wir doch um dieses Recht am eigenen Körper über Jahrzehnte gestritten.

Auf meine Weise bin ich auch gläubig, auch wenn ich nicht aushalte, wenn da aus christlichen Kreisen nur von Mord die Rede ist. Sich zu vergeben, darum geht es für mich. Alles innerlich aufarbeiten, um nicht gefühllos und mehr zu werden.

Meinen Töchtern geht es übrigens sehr gut. Es war schlichtweg kein Platz da für das vierte Kind.

Wer nicht in die Trauer reingeht, kommt auch nicht aus ihr raus."

Aufgezeichnet von Petra Mies

*Namen geändert, d.Red.

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Datum:  29 | 7 | 2009
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