Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | USA unter Donald Trump | Türkei | Flucht und Zuwanderung
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

26. November 2012

Indien : Wunder-Enthüller wegen "Blasphemie" verfolgt

 Von 
Der Bürgerrechtler Sanal Edamaruku drohen bis zu drei Jahre Haft wegen "Blasphemie".  Foto: afp

Als Wasser von einer Christusstatue in Indien tropft, freut sich die Gemeinde über ein Wunder. Bis ein Skeptiker das Phänomen entzaubert. Nun drohen ihm bis zu drei Jahren Haft.

Drucken per Mail

Als Wasser von der Christusstatue im indischen Velankanni tropfte, schien das für die katholische Gemeinde der Jackpot zu sein. Ein Wunder! Jesus weint! Die Gläubigen der Kirchengemeinde in Mumbai sammelten laut Guardian (Englisch) das "heilige Wasser" und posaunten die frohe Botschaft ins Land. Es winkten Ansehen und Geld.

Alles schien gut für die Gemeinde - bis zu dem Tag, am dem Anfang 2012 Sanal Edamaruku kam.

Edamaruku, ein bekannter indischer Atheist und überhaupt ein zweifelnder Mensch, vermutete öffentlich, es müsse doch eine rationale Erklärung für die Jesustränen geben. Mit Duldung der Kirchenoberen machte Edamaruku sich auf den Weg in die Kirche, ein TV-Team im Anhang, und untersuchte die Statue und ihre Umgebung. Sein Befund: Die "Tränen" stammen aus einem kaputten Abfluss, und das Wasser werde nicht befördert von göttlicher Kraft, sondern von dem sehr irdischen Kapillareffekt. Das Wasser sei nicht nur unheilig, sondern wohl auch verschmutzt.

Absurdes, gefährliches Gesetz

Weil aber echter Glaube bekanntlich felsenfest ist, halten die Kirchenverantwortlichen an dem Ihren fest – und gehen selbst in die Offensive: Mithilfe eines Blasphemie-Paragraphen aus der Kolonialzeit zeigen sie Edamaruku wegen Gotteslästerung an, wird er schuldig gesprochen, drohen ihm bis zu drei Jahre Haft. Edamaruku erhielt Todesdrohungen, im Sommer 2012 flüchtete er deshalb nach Finnland.

Bis heute hält er sich in Europa auf, sicherheitshalber. In Indien hat die Polizei in der Zwischenzeit bereits an die Tür seiner Wohnung geklopft, weiß er von Bekannten. Anstatt zurückzukehren, greift Edamaruku aus dem Exil an. Sein Ziel: Europäische Regierungen sollen Druck auf Indien auszuüben, damit die Klage gegen ihn fallengelassen wird.

Der Blasphemie-Paragraph sei „ein absurdes Gesetz, aber auch sehr gefährlich“, sagt er. Die Regelung mache es anderen einfach, wegen einer Auseinandersetzung falsche Beschuldigungen zu erheben. Erst kürzlich wurde laut Edamaruku in Indien ein Mädchen wegen "Verletzung religiöser Gefühle" verhaftet. Ihr Vergehen: Sie hatte auf Facebook hinterfragt, ob man denn wegen dem Tod eines hindu-nationalistischen Politikers gleich zum Generalstreik aufrufen müsse.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Edamaruku hat eine Theorie, weshalb der Glaube an Wunder bis heute so präsent ist. Für viele sei der Aberglaube scheinbar ein Ausweg aus den Mühsalen des Lebens, sagt er - aber am Ende führe er erst recht dazu, dass die Betroffenen nicht mehr mit der Realität klarkommen.
„Es ist ein Teufelskreis, es ist wie bei einer Sucht. [Die Betroffenen] werden anfällig für Ausbeutung durch Astrologen, Göttermenschen, Pseudo-Psychologen…und der ganzen Mega-Industrie des Irrationalismus.“

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Donald Trump

"Komplett verrückt"

Von  |
US-Präsident Donald Trump.

Ja, es ist verrückt, was wir mit US-Präsident Donald Trump erleben. Und nicht nur es, sondern auch er. Aber ist der neue US-Präsident der Erste seiner Art? Erinnert sich jemand an den Krieg im Irak? FR-Leitartikel. Mehr...

Demokratie

Die mutige Gesellschaft

Die Menschen setzen sich zur Wehr.

Die Schockstarre beginnt sich zu lösen. Seit der Wahl Donald Trumps mehren sich die Zeichen, dass Bewegung in die Gesellschaft kommt. Gilt das auch für Deutschland? Der Leitartikel.  Mehr...

 

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung