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01. März 2016

Indonesien: Indonesien verfolgt Homosexuelle

 Von 
Hetze gegen Homosexuelle: Das Banner fordert sie auf, das Viertel Cigondewah Kaler in Bandung (West-Java) zu verlassen.  Foto: REUTERS

Im Land mit den meisten muslimischen Bewohnern entwickelt sich eine radikale Stimmung gegen Minderheiten. Die Vereinigung indonesischer Psychiater PDSKJI sprach gar von Geisteskranken, die geheilt werden müssten.

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Es war ein Kampf mit ungleichen Mitteln und am Ende musste die 53-jährige Shinta Ratri sich geschlagen geben. „Ich bin seelisch erschöpft. Ich muss mich erst beruhigen“, lautete ihre Textnachricht an Journalisten, nachdem die lokalen Behörden von Bambang Muryanto am Rande der indonesischen Stadt Yogyakarta ihre „Islamische Al Fatah Schule“ geschlossen hatten. Die 2008 gegründete, weltweit einzige Koranschule für Transsexuelle, so die Begründerin, war ins Zielkreuz der Extremistengruppe „Islamische Jihad-Front“ (FJI) geraten. „Wir haben die Schule geschlossen, um Sicherheit und öffentliche Ordnung zu wahren sowie die Gefühle der Öffentlichkeit zu schonen“, lautete die Begründung der Behörden.

Die 40 Schülerinnen müssen nun nach einer neuen Bleibe suchen in einem Land, in dem seit Januar eine Hetzkampagne durch Regierungsvertreter und religiöse Organisationen gegen die sogenannte LGBT-Minderheit tobt.

Zuletzt verlangte die als gemäßigt geltende islamische Organisation Nadlatul Ulama (NU), in der etwa 50 Millionen Moslems organisiert sind, die Lesbierinnen, Homosexuellen, Bisexuellen und Transsexuellen per Strafrecht zu verfolgen. „Wir brauchen ein neues Gesetz, das die Rehabilitierung dieser Leute zu normalen Menschen vorsieht“, hieß es in einem offiziellen Schriftsatz der Organisation.

Die Vereinigung indonesischer Psychiater PDSKJI sprach gar von Geisteskranken, die geheilt werden müssten. Mehrere Minister des Landes, dessen Regierung unter anderem alle Rotlichtbezirke des 250 Millionen Menschen zählenden südostasiatischen Landes schließen will und im vergangenen Jahr kleinen Läden den Verkauf von Alkohol verbot, verlangen seit Anfang 2016 schärferes Vorgehen. Selbst der öffentliche Dienst soll von Homosexuellen gesäubert werden. Laut Vizepräsident Yussuf Kalla wurde sogar das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP aufgefordert, alle Programme zugunsten von LGBT-Gruppen einzustellen.

Indonesien ist das Land mit den meisten muslimischen Einwohnern der Welt. Traditionell eher weltoffen wandelt sich der Islam des Landes unter dem massiven Einfluss Saudi-Arabiens zunehmend in eine südostasiatische Kopie des dogmatischen Wahabismus. Minderheiten wie die islamische Amadiyyah-Sekte und Schiiten werden häufiger attackiert. Außerdem wurden in den vergangenen Jahren immer häufiger christliche Gruppen von dogmatischen Muslimen angegriffen. In der Provinz Aceh, in der seit Jahren die Scharia angewendet wird, setzten Provinzpolitiker gar ein Gesetz durch, laut dem die Regeln islamischer Gesetzgebung auch für die chinesische Minderheit und Christen angewendet werden sollten. Häufig nutzen lokale Behörden oder die Polizei die Aktivitäten radikaler Gruppen aber als Vorwand, um gegen Minderheiten vorzugehen. Die weltweit einzige Moschee für Transsexuelle Al Fatah am Stadtrand von Yogyakarta etwa erhielt Mitte Februar „Besuch“ selbsternannter Moralwächter der „Islamischen Jihad-Front“ (FJI). Sie hatte behauptet, einem Verdacht über angeblich unsittliche Vorgänge hinter den Mauern der kleinen Moschee nachgehen zu müssen.

Die meisten der 40 Bewohnerinnen der Koranschule für Transsexuelle sind bereits älter und hatten bei Al Fatah Zuflucht vor einem harten Leben auf der Straße gefunden. Viele indonesische Transsexuelle schlagen sich üblicherweise auf dem Straßenstrich durch. Dass die Schule ein wenig Schutz bot für die Minderheit, wollen deren religiöse Verfolger nicht gelten lassen. „Es gab keinen Dialog“, erklärte ein Anwalt, der Al-Fatah-Gründerin Shinta Ratri bei einem Treffen der Behörden mit ortsansässigen Bewohnern und FJI-Vertretern begleitete, „sie durfte nicht einmal selbst das Wort ergreifen.“

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