Die letzten Bilder aus dem Dschungel waren stumme Dokumente der Verzweiflung. Sie zeigten Ingrid Betancourt auf einem notdürftig zusammengezimmerten Stuhl, die Hände wie zum Gebet gefaltet, die Haut fahl, den Blick apathisch auf den Boden gerichtet. Die 46-jährige Gefangene schien nicht mal mehr zu begreifen, dass da gerade eine Kamera auf sie gerichtet war, sie sagte kein Wort, sie saß nur da und wartete. Auf was auch immer.
Die ersten Bilder aus der Freiheit barsten vor Lebenslust. Als das Flugzeug mit der berühmtesten Geisel der Welt am Mittwoch auf der Militärbasis Catam bei Bogotá landete, da war Ingrid Betancour die Erste, die erschöpft, aber fidel die Gangway herunterschritt. Eingehüllt in eine Camouflage-Weste, auf dem Kopf den etwas zu großen Hut eines kolumbianischen Soldaten, fiel sie ihrer Mutter in die Arme. Dann bedankte sie sich auf Französisch und Spanisch bei Kolumbien, Frankreich und der Welt, stellte sich geduldig den Fragen der Reporter, redete befreit, lachte, weinte, so als wolle sie die Jahre der Einsamkeit binnen Minuten vergessen machen. Keine Rede war da mehr von Krankheit, Siechtum oder bevorstehendem Tod. Diese Ingrid Betancourt schien signalisieren zu wollen: Ich bin wieder da - niemand hat mich kleingekriegt
Am 5. Mai 1966 wird die Farc (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) offiziell gegründet. Sie gilt als militärischer Arm der KP des Landes. Ihre Aktionen beschränken sich zunächst auf ländliche Gebiete. Zu ihren Gründern zählt Manuel Marulanda (Bild). Marulanda soll bis zu seinem Tod 2008 Chef der Farc bleiben.
In den 80er Jahren dehnt die Farc, in deren Reihen mittlerweile auch viele Studenten stehen, ihre militärischen Aktionen aus. Sie wird, auch finanziell, von Kuba und der Sowjetunion unterstützt.
Am 6. November 1985 stürmt die Terrorgruppe M-19, eine Abspaltung der Farc, den Justizpalast in Bogotá. Der vom konservativen Präsidenten Belisario Betancur unter anderem mit der Farc ausgehandelte Waffenstillstand ist damit beendet.
1997 wird die paramilitärische Truppe AUC von Drogenhändlern und Großgrundbesitzern gegründet. Sie bekämpft die Farc, die sich inzwischen auch mit Drogengeschäften finanziert. 1998 wird der konservative Politiker Andrés Pastrana zum Präsidenten gewählt. In Friedensverhandlungen mit der Farc räumt er dieser eine 40000 Quadratkilometer große entmilitarisierte Zone ein.
Im Dezember 2000 entführt die Farc den kolumbianischen Handelsminister Fernando Araujo auf offener Straße in Cartagena. Nach sechs Jahren Gefangenschaft kann Araujo während eines Militärangriffs fliehen.
Im März 2001 wird der in Kolumbien ansässige deutsche Geschäftsmann Lothar Hintze von der Farc entführt. Erst im April 2006 kommt er frei, vermutlich nach Zahlung eines Lösegelds. Am 18. Juli 2001 werden drei Deutsche, darunter Entwicklungshelfer Ulrich Künzel (Bild), von der Farc entführt. Sie kommen nach 88 Tagen frei.
Am 21. Februar 2002 erklärt die kolumbianische Regierung die 1998 begonnenen Friedensverhandlungen mit der Farc für gescheitert.
Nur Stunden zuvor war die abgemagerte Frau nach sechs Jahren, vier Monaten und zehn Tagen Geiselhaft in einer Blitzaktion befreit worden, die sie selbst als "völlig surreal" beschrieb. Mit einem simplen Trick hatten die Retter - zu denen wohl nicht nur die einheimische Armee zählte - die Rebellen der kolumbianischen Farc-Guerilla genarrt.
Ohne einen einzigen Schuss abgeben zu müssen, konnten sie in getarnten Hubschraubern den Dschungel verlassen. An Bord: drei US-Amerikaner, elf entführte Soldaten und eine Politikerin, die durch ihr Leben im Nirgendwo in den vergangenen Jahren mehr und mehr zu einem Phantom geworden war.
1989 war Ingrid Betancourt, damals gerade 27 Jahre alt, in ihre Heimat Kolumbien zurückgekehrt. In dem von Drogenkriegen, Korruption und Gewalt zerrütteten Land war gerade der Reformer Luis Carlos Galán erschossen worden. Der Präsidentschaftskandidat hatte die Stirn besessen, den Drogenkartellen Kolumbiens den Kampf anzusagen. Wie gefährlich dieser Kampf sein kann, das wusste auch Ingrid Betancourt, die neun Jahre zuvor nach Paris gezogen war, um an einer Elitehochschule Politik zu studieren. Dennoch entschied sich die Tochter eines ehemaligen Ministers und einer Schönheitskönigin für die Rückkehr und löste damit ihr One-Way-Ticket ins Verhängnis.
Mit ihrem energischen Auftreten machte sich Betancourt schnell Feinde - nicht nur in der Halbwelt Kolumbiens, sondern auch bei der nicht selten korrupten politischen Elite. Die Frau mit dem hüftlangen Haar scherte sich nicht darum, schloss sich der Grünen Partei (Oxígeno Verde) ihres späteren Mannes Carlos Lecompte an und machte schon mal Schlagzeilen, indem sie in der Hauptstadt Gratis-Kondome verteilte. Korruption, so Betancourt, sei "das Aids unserer Gesellschaft - schützen wir uns davor".
Dass sie in einem Land wie Kolumbien mit ihrem Leben spielte, muss ihr spätestens im Sommer 1996 klar geworden sein. Damals fand die Parlamentsabgeordnete in ihrem Briefkasten das Foto einer zerstückelten Kinderleiche. Kurz darauf wurde sie in ihrem Auto aus einem Hinterhalt heraus beschossen. Auch davon ließ sich die hagere Politikerin jedoch nicht aufhalten, sie kämpfte weiter für ein befriedetes Kolumbien und meldete 2002 ihre Kandidatur für die Präsidentschaftswahl an.
Am 23. Februar 2002 begab sich Betancourt mit ihrer Wahlkampfleiterin Clara Rojas in die Nähe des von Rebellen kontrollierten Gebietes. Nahe der Stadt Villa San Vicente de Caguán wurden sie von Rebellen gestoppt, auf einen Pick-up gehievt und an einen unbekannten Ort entführt. Mehrfach erreichten danach Lebenszeichen aus dem Dschungel die Weltpresse. Im Herbst 2003 jedoch riss der Kontakt zu ihr auf Jahre hinaus ab. Dass sie nicht in Vergessenheit geriet, dafür sorgten nicht Machthaber, sondern Menschenrechtsgruppen und Einzelinitiativen, außerdem Betancourts Mann und ihre beiden Kinder. Mehr als 1000 Städte weltweit ernannten die Politikerin zur Ehrenbürgerin, in Paris, ihrer zweiten Heimat, hingen bis zuletzt Plakate mit ihrem Konterfei in den Metrostationen: "L'oubli tue" - Vergessen tötet. Ingrid Betancourt: Das war plötzlich nicht mehr nur eine entführte Politikerin - sondern ein Symbol für Unbeugsamkeit, Aufrichtigkeit, Mut. Nur: Ob das Symbol noch am Leben war, wusste niemand mit Gewissheit zu sagen.
Dann, im Dezember 2007, drangen plötzlich neue Nachrichten aus Kolumbiens Urwald. Der Armee waren Farc-Rebellen und mit ihnen Videobänder ins Netz gegangen. Sie enthielten Neuigkeiten über einige der annähernd 1000 Farc-Geiseln. Die gute Nachricht: Ingrid Betancourt lebte.
Die schlechte: Sie war am Ende. Die Rede war von Hepatitis B und einem schweren Nierenleiden, ausgelöst durch eine tückische Tropenkrankheit. Auch ein Brief Betancourts an ihre Mutter wurde seinerzeit entdeckt. "Mamita", schreibt sie darin, "ich bin müde, des Leidens müde ( ). Das Leben hier ist kein Leben, es ist eine trostlose Zeitverschwendung."
Nun, endlich, begannen auf internationalem Parkett hektische Bemühungen. Allen voran: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Venzuelas Staatschef Hugo Chávez - beide gleichermaßen mit Gespür für politische Großinzenierungen ausgestattet. Aber auch aus Ecuador, den USA, Kolumbien selbst und wohl auch Israel kamen versteckte und offene Hilfsangebote. Wer genau hinter der filmreifen Rettungsaktion vom Mittwoch steckte, war am Tag darauf noch nicht klar.
Ingrid Betancourt wird es egal gewesen sein. Glücklich stellte sie sich nach ihrer Befreiung ins Rampenlicht und ließ nur am Rande durchblicken, dass sie trotz allem gut informiert war, über das, was zu ihrer Rettung geschah - oder eben nicht geschah. "Ich danke Gott und allen, die an mich gedacht, für meine Freilassung gekämpft und nicht nur abgewartet haben", sagte sie. Schon da konnte man den Eindruck gewinnen, dass ihr Kampf noch nicht zu Ende ist.
Erholen will sich Betancourt nun zunächst in Frankreich, wohin sie noch am Donnerstag ausfliegen wollte. Sie wird Wochen brauchen, um wieder zu Kräften zu kommen. Ob sie danach noch einmal zurückkehrt, weiß nur sie allein. Aber wenn es so wäre: Es würde niemanden wundern.
Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?
US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund
Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner
Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf
Weblog der USA-Experten unserer Redaktion
Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.
Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.