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Politik
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01. März 2012

Integration : Studie sät neues Misstrauen

 Von Markus Decker
Nach einer neuen Studie sollen ein Viertel der Muslime zwischen 14 und 32 Jahre eine starken Abneigungen gegenüber dem Westen empfinden.  Foto: ddp

Bereits vor ihrer Veröffentlichung sorgt die neue Studie über junge Muslime in Deutschland für Diskussionen. Ein Viertel der Muslime, die keinen deutschen Pass haben, seien nicht bereit sich zu integrieren, heißt es.

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Berlin –  

Kenan Kolat kocht. „Es ist ein bisschen befremdlich, dass diese Studie nicht in den dafür zuständigen Arbeitsgruppen der Islamkonferenz diskutiert wird, bevor sie an die Öffentlichkeit geht“, sagte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland am Donnerstag der FR. „Ich habe von der Studie jedenfalls erst jetzt erfahren. Und dass sie von einer Boulevard-Zeitung an die Öffentlichkeit gebracht wird, ist vorsätzlich.“ Kolat fuhr fort: „Das ist auch eine Ablenkung von der Rassismus-Debatte. Wieder werden Migranten auf die Anklagebank gesetzt.“ Dass all das eine Woche nach der Trauerfeier für die Opfer des Rechtsterrorismus geschehe, sei bezeichnend.

Gewiss ist: Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hat Vorbehalte, die unter Migranten ihm gegenüber existieren, neue Nahrung gegeben.

Kritik von SPD und Grünen

Kurz nach seiner Amtseinführung hatte Friedrich kundgetan, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Es war damals nicht ganz klar, wie viel Kalkül hinter der Aussage steckte – oder ob sich der Minister in neuer Funktion bloß hatte aufs Glatteis führen lassen. In jedem Fall hatte es der Franke sehr ernst gemeint. Die erste Islamkonferenz unter Friedrichs Ägide bewegte sich infolgedessen am Rande des Eklats. Das Herz der Ausländerinnen und Ausländer gehörte derweil dem inzwischen zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff, der den Islam zuvor zu einem Teil Deutschlands ernannt und damit ein bisschen Geschichte geschrieben hatte. Friedrich brauchte jedenfalls einige Zeit, bis er den Vertrauensschaden halbwegs repariert hatte. Ganz gelang ihm dies bis heute nicht.

Im November dann wurden die Taten des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) publik. Der Minister wirkte für Tage wie benommen. Erst allmählich erkannte er die Dimension des Geschehens und zog daraus die entsprechenden Schlussfolgerungen. Friedrich berappelte sich also ein zweites Mal, schuf ein rechtes Anti-Terror-Zentrum und eine rechte Anti-Terror-Datei. Dem Gedanken eines NPD-Verbots nähert er sich indes nur langsam. Für den emotionalen Teil fühlte sich ohnehin abermals das Staatsoberhaupt zuständig, das die Gedenkstunde am Gendarmenmarkt organisierte. SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz erklärte den Minister infolgedessen als ungeeignet für das Amt – nachdem sogar die FAZ zu einem recht ähnlichen Befund gekommen war.

Am Mittwochabend nun kam ausgerechnet die Bild-Zeitung mit einer Vorabmeldung über die Muslim-Studie auf den Markt – eine Woche, nachdem die Spitze des Staates im Konzerthaus zusammengekommen war, um die zehn Todesopfer der NSU zu ehren, von denen bekanntlich neun einen sogenannten Migrationshintergrund hatten. Die Studie besagt unter anderem, dass autoritäre Haltungen und Feindschaft gegenüber Juden unter jungen Muslimen besonders verbreitet sind. Zwar war das Kriminologische Forschungs-Institut Niedersachsen unter seinem Leiter Christian Pfeiffer vor zwei Jahren zu einem ähnlichen Befund gelangt. Dennoch sorgt das 764-Seiten Papier für Animositäten.

Unmut selbst in der FDP

Die einen fragen sich, ob das ausgerechnet jetzt sein musste. „Wer Muslime nur unter ihrem Nutzen der Gefahrenabwehr bemisst und sonst nicht müde wird, ihnen zu erklären, dass der Islam nicht Teil unserer Gesellschaft ist, darf sich nicht wundern, wenn dies zu Abwehrhaltungen führt“, befand etwa Grünen-Parlamentsgeschäftsführer Volker Beck. Vorher hatte bereits die stellvertretende SPD-Vorsitzende Aydan Özoguz den methodischen Ansatz der Studie kritisiert. Selbst in der FDP herrscht Unmut.

Im Übrigen ist bald wieder Islamkonferenz – genauer gesagt: am 19. April. Und da möchte nicht allein Kenan Kolat wissen, „was der Bundesinnenminister mit der Studie denn eigentlich bezwecken will“.

Als „erschreckend“ wertete hingegen der CSU-Politiker Hans-Peter Uhl die Ergebnisse der Untersuchung. „Diese Integrationsverweigerung muss nicht, aber kann den Nährboden für religiösen Fanatismus und Terrorismus darstellen“, sagte er der Neuen Osnabrücker Zeitung. Zumindest für die CSU, so scheint es, ist die Welt wieder in Ordnung.

Und das ist ja auch schon was.

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