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Politik
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20. Oktober 2010

Integrationsdebatte: Rassismus produziert Islamisten

 Von Andreas Förster
In Berlin steht eine Frau im Gang der Ausländerbehörde. Foto: getty

Vor dem Hintergrund der Integrationsdebatte in Deutschland warnt der Präsident des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, vor einer Ausgrenzung hier lebender Muslime.

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Ohne auf die aktuelle Diskusion direkt einzugehen, sagte der Präsident des Bundeskriminalamtes gestern auf der jährlichen Herbsttagung des BKA in Wiesbaden: „Gerade für junge Menschen ist es bedeutsam, wie sie sich aufgenommen fühlen in der Gesellschaft, wie sie ihre Chancen und Perspektiven hier bewerten.“ Wenn man ihnen das Gefühl gebe, willkommen zu sein und gebraucht zu werden, wäre das positiv für Muslime. „Damit verringert sich bei ihnen auch die Ansprechbarkeit durch radikale Glaubensbrüder“, so Ziercke.

Eine deutlichere Verbindung zur Integrationsdebatte stellte der Grünen-Politiker Wolfgang Wieland her. Am Rande der Tagung warnte er vor den Folgen einer zunehmenden Ausgrenzung von Migranten. „Sarrazin, Seehofer, Merkel und Westerwelle haben mit ihren Äußerungen den Deckel vom Topf genommen und einer ausländerfeindlichen Diskussion Vorschub geleistet“, sagte der Bundestagsabgeordnete. „Mit ihrem Slogan ,Multikulti ist tot’ sagt Frau Merkel den Migranten doch nichts anderes, als dass sie hier nicht willkommen sind. So wird der Nährboden für die Radikalisierung insbesondere von jungen Muslimen bereitet.“

Tatsächlich verweisen jüngste Forschungen darauf, dass eine gefühlte oder objektiv existierende Unzufriedenheit mit der eigenen Stellung in der Gesellschaft meist der Ausgangspunkt des Radikalisierungsprozesses bei jungen Muslimen ist.

Der am Londoner King’s College forschende Politologe Peter Neumann verwies auf der Tagung auf wissenschaftliche Analysen, wonach insbesondere bei Immigranten der zweiten Generation in Westeuropa das Gefühl der fehlenden Verankerung und Akzeptanz sowie die Diskriminierung ein entscheidender Anstoß für die eigene Radikalisierung sei. „In diese Identitätskrise, in das Vakuum der Heimatlosigkeit, des fehlenden Gefühls, hier zu Hause zu sein, stößt die Ideologie der Radikalen und fällt auf fruchtbaren Boden“, sagte Neumann. „Die Ideologie ist meist erste der zweite Einflussfaktor, er gibt der Unzufriedenheit einen Sinn und lenkt sie in eine bestimmte Richtung.“

Zuvor hatte BKA-Chef Ziercke in einer aktuellen Lageeinschätzung die gegenwärtige Bedrohung Deutschlands durch den islamistischen Terrorismus als „präsenter denn je“ bezeichnet. Eine besondere Gefahr gehe insbesondere von radikalisierten Rückkehrern aus, die Ausbildungslager terroristischer Gruppen in Pakistan besucht haben.

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