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Integrationsgipfel: Brückenbauer dringend gesucht

Förderprogramme, Sprachkurse, Ausbildungshilfen: Der Integrationsgipfel beschließt Schritte für mehr Migranten in Behörden und Schulen.

        

Keine Beamtenstube: Garderobe eines Kinderhorts in Hannover.
Keine Beamtenstube: Garderobe eines Kinderhorts in Hannover.
Foto: dpa

Das jährliche Gipfeltreffen, das laut seiner Gastgeberin, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), nachholen soll, „was 30 Jahre lang versäumt wurde“, ackert sich nun seit knapp sechs Jahren an ein- und demselben Plan ab. An dessen Ende sollen die Zuwanderer, die in die Bundesrepublik kommen, und vor allem ihre Kinder besser in die deutsche Gesellschaft integriert sein.

Das Klima aber, in dem die über 100 Verbands- und Gewerkschaftschefs, Behördenleiter, Politiker und Migrantenvertreter jedes Mal im Kanzleramt zusammenkommen, ist jedes Mal etwas anders.

Mehr Anteil nehmen

Nie jedoch hat sich der Blick auf den Integrationsgipfel derart rapide geändert wie zwischen Gipfel Nr.4, Ende 2010, und Nr.5, der gestern drei Stunden lang tagte: Vor anderthalb Jahren debattierte das Land entlang der Thesen von Thilo Sarrazin (SPD), ob die deutsche Wirtschaft wirklich mehr ausländische Fachkräfte brauche oder die Nation durch zu großen Zuzug bildungsferner Ausländern eher verblöde.

Danach lief nicht nur ein Ausländer- und Moslemhasser in Norwegen Amok, auch Deutschland entdeckte mit den Hintergründen des Zwickauer Neonazi-Terrors, dass es noch längst kein Land ist, das Zuwanderer willkommen heißt.

Für das Klima des fünften Integrationsgipfels hieß das vor allem, dass öffentlich nicht mehr allein die Forderungen an die Migranten im Fokus standen. Die aufgedeckte Mordserie mahne jeden, sagte etwa Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU), mehr Anteil am Leben des anderen zu nehmen. „Wir brauchen eine echte Willkommenskultur, durch jeden Einzelnen in unserer Gesellschaft“, sagte sie.

Sozialer Abstand bleibt groß

Und die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), betonte, dass der Gipfel mit dem verabschiedeten Aktionsplan konkrete und messbare Schritte festgelegt habe, wie die 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund noch erfolgreicher werden könnten: Förderprogramme, Sprachkurse, Ausbildungshilfen.

Integrationsgipfel

Angela Merkel startete wegen der schlechten Pisa-Noten von Kindern ausländischer Eltern 2006 die Gipfel im Kanzleramt. Alle ein, zwei Jahre treffen sich über 100 Vertreter der Politik, Verbände, Wirtschaft und Gewerkschaften.

Beschlossen wurde auf dem ersten Gipfel das Ziel eines Integrationsplans, auf dem zweiten 2007 folgten 400 Selbstverpflichtungen, auf dem dritten 2008 die Senkung der Schulabbrecher-Quote unter Migranten.

2010 wurde über Integrationskurse und Förderung von Zuwanderer-Kindern debattiert. (sgey.)

Zwar habe sich schon vieles verbessert: Migrantenkinder schafften mehr und bessere Bildungsabschlüsse, die Erwerbslosenquote unter Zuwanderern sei gesunken, immer mehr Kleinkinder aus Migrantenfamilien werden in Kitas betreut. In den vergangenen sechs Jahren sei mehr erreicht worden als in den 30 Jahren zuvor, verkündete Ali Ertan Toprak, der Vizechef der Alevitischen Gemeinde und bediente sich für die weitere Zielvorgabe bei Willy Brandt: „Es muss zusammenwachsen, was schon so lange zusammen lebt.“

Man dürfe nicht nur technisch von Integration reden, sondern müsse auch die Herzen der Menschen erreichen.

Doch der soziale Abstand zur Mehrheitsgesellschaft bleibt groß. Dass zum Beispiel in 17 Prozent der Zuwandererfamilien nicht Deutsch gesprochen werde, so Ministerpräsidentin Lieberknecht, sei eine große Herausforderung für die öffentliche Sprachförderung von Kindern. Doch Mehrsprachigkeit sei auch eine Chance und eine Aufgabe, die die Gesellschaft annehmen müsse.

Schon heute sei jeder fünfte Einwohner Deutschlands Migrant oder Zuwandererkind, betonte Bundeskanzlerin Merkel.

In Zukunft werde der Anteil noch steigen – und das müsse sich im gesamtem Kultur- und Vereinsleben, aber auch im öffentlichen Dienst widerspiegeln. „Wir brauchen mehr Migranten als Lehrkräfte oder Erzieherinnen, bei Polizei und Feuerwehr und in Behörden“, sagte Böhmer. „Beschäftigte aus Zuwandererfamilien sind mit ihren Sprachkenntnissen und oft eigenen kulturellen Erfahrungen wichtige Brückenbauer.“

Autor:  Steven Geyer
Datum:  1 | 2 | 2012
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