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16. Juni 2008

Interview: "Die Agentin hat alles mitbekommen"

Beatrice Schmid ist Germanistin und Historikerin und Mitglied in der Attac-Gruppe Waadt in der Schweiz.  Foto: privat

Der Nestlé-Konzern soll Globalisierungskritiker mit einer Securitas-Agentin ausgehorcht haben. Die Attac-Aktivistin Beatrice Schmid hat nun Angst um die Informanten der Globalisierungskritiker.

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Zur Person

Beatrice Schmid ist Germanistin und Historikerin und Mitglied in der Attac-Gruppe Waadt in der Schweiz.

Mit sechs anderen Autoren zusammen schrieb Schmid das Buch "Nestlé - Anatomie eines Weltkonzerns" (Rotpunkt Verlag). Dabei wurden sie offenbar von einer Nestlé-Agentin bespitzelt.

Derzeit beschäftigt sich die Gruppe mit den Auswirkungen der Wasser-Geschäfte des Konzerns.

Frau Schmid, wann haben Sie gemerkt, dass Sie von Nestlé bespitzelt werden?

Vor zwei Monaten hat uns ein Journalist des Westschweizer Fernsehens angesprochen, der den Fall ein halbes Jahr lang recherchiert hat. Demnach hat Nestlé die private Schweizer Sicherheitsfirma Securitas beauftragt, uns zu bespitzeln.

Wie lief das konkret?

Während des G-8-Treffens im Juni 2003 in Evian soll die Schweizer Sicherheitsfirma Securitas von mehreren Konzernen den Auftrag erhalten haben, globalisierungskritische Gruppen zu überwachen. Bei Attac haben sie eine Agentin unter einem Decknamen in unsere Arbeitsgruppe eingeschleust. Sie hat dann - lange nach dem G-8-Gipfel - an der Redaktion unseres Buches "Nestlé - Anatomie eines Weltkonzerns" teilgenommen, das wir ab September 2003 geschrieben haben. Sie hat uns ein Jahr lang überwacht.

Wie liefen diese Treffen ab?

Es gab zwei verschiedene Arten von Treffen. Wir waren eine Arbeitsgruppe von Attac Waadt. Das ist offen und da kam sie dazu, wie viele neue Leute. Als wir uns im Herbst 2003 entschieden haben, ein Buch über Nestlé zu schreiben, hat sie sich sehr interessiert gezeigt und wollte mitmachen. Das Autorenkollektiv bestand nur aus acht Leuten. Wir hatten aus vertraulichen Gründen eine separate Mail-Liste, mit der wir uns die Artikel zugeschickt und darüber diskutiert haben.

Die Agentin war auch im Verteiler?

Ja, sie hat die Diskussionen um Formulierungen und um heikle Passagen mitbekommen. Und sie kam auch zu den Treffen der Autorengruppe, die in unseren privaten Wohnungen stattfanden. Wir haben uns immer wieder bei jemand anderem getroffen. Sie war sicher in drei Privatwohnungen. Wir haben auch einmal eine Juristin eingeladen, die uns beraten hat, welche Stellen des Buches besonders heikel sind oder umformuliert werden sollten. Das hat die Agentin auch mitbekommen. Sie wusste unsere Quellen, die Fachleute, die wir kontaktiert haben, die Vorbereitung zur Veröffentlichung des Buches. Sie wusste genau, mit wem wir Kontakt hatten und wer wann kommt.

Haben Sie nichts gemerkt?

Es ist erstaunlich - wir hatten keinen Verdacht. Sie ist gekommen und ist dann einfach wieder verschwunden. Sie sagte, sie arbeite bei einer Versicherung und ihr Freund wohne in Lausanne. Deshalb kam sie manchmal später oder ging früher. Wir haben uns nicht angefreundet, aber wir fanden es gut, dass mal jemand Neues mitmacht. Sie war immer sehr zurückhaltend. Ich habe sie als eine eher scheue Anfängerin bei Attac gesehen, die etwas schüchtern ist, aber sehr interessiert.

Können sich Gruppen wie Attac gegen solche Agenten schützen?

Wir sprechen viel darüber. Aber wir wollen nicht den Ausweis von neuen Mitgliedern kontrollieren. Wir wollen eine offene Gruppe sein, aber wir werden vorsichtiger sein.

Haben Sie Angst bekommen, als Sie erfuhren, dass Sie ausgespäht wurden?

Ja, das macht Angst. Man stellt sich sehr viele Fragen. Wir wissen nicht, ob wir immer noch überwacht werden und wie sicher Mails und Telefone sind. Das war schon ein Schock. Aber man darf auch nicht paranoid werden.

Hat die Agentin denn nur zugehört oder auch fotografiert, aufgenommen et cetera?

Es ist uns nichts aufgefallen. Wir können uns nicht erinnern, dass sie sich Notizen gemacht hat. Aber ihre Berichte sollen sehr detailliert gewesen sein. Da fragen wir uns schon, ob sie so ein super Gedächtnis hat oder uns doch aufgenommen hat.

Was geschah dann mit den Berichten?

Die hat sie für ihre Firma Securitas angefertigt und die haben sie an Nestlé, den Auftraggeber, weitergeleitet. Wir wissen auch von einem Treffen, bei dem die Agentin mit ihrem Securitas-Vorgesetzten zur Nestlé-Zentrale nach Vevey gefahren ist und dort den Sicherheitschef und den Kommunikations-chef getroffen hat.

Was hätte die interessieren können?

Wir haben da gerade Kapitel geschrieben über Arbeits-Konflikte in Kolumbien und hatten Kontakt zu Gewerkschaftern von dort - da wird das Ganze sehr delikat. Außerdem ist es interessant zu wissen, wer die Verfasser des Buches sind, wie wir uns organisieren und mit wem wir in Kontakt sind.

Wehren Sie sich gegen die Spionage?

Wir erstatten Strafanzeige wegen Verletzung der Privatsphäre und des Datenschutzgesetzes. Auch zivilrechtliche Schritte erwägen wir. Datenschützer und Politiker in der Schweiz haben sich eingeschaltet. Es gibt Rechtsprofessoren, die sagen klar: Solche präventive Informationsbeschaffung ist ausschließlich Sache von staatlichen Behörden, die sich dabei an den gesetzlichen Rahmen halten müssen. Was hier passiert ist, war illegal.

Interview: Matthias Thieme

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