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Interview: "Wir brauchen eine anonyme Hotline"

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberstleutnant Ulrich Kirsch, wünscht sich eine bessere Versorgung traumatisierter Soldaten und fordert ein Forschungszentrum.

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberstleutnant Ulrich Kirsch, wünscht sich eine bessere Versorgung traumatisierter Soldaten und fordert ein Forschungszentrum.
Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberstleutnant Ulrich Kirsch, wünscht sich eine bessere Versorgung traumatisierter Soldaten und fordert ein Forschungszentrum.
Foto: DBwV

Frankfurter Rundschau: Tut die Bundesregierung zu wenig für die Versorgung traumatisierter Soldaten?

Ulrich Kirsch: Die Versorgung ist gegeben, es gibt aber noch Nachsteuerungsbedarf zu bestimmten Themen. Zum Beispiel brauchen wir eine anonyme Hotline, damit jemand, der traumatisiert ist und das erstmal anonym besprechen möchte, dazu eine Chance bekommt.

Zur Person

Ulrich Kirsch, ist Oberstleutnant, 57 Jahre alt und Vorsitzender des Bundeswehrverbandes.

Warum ist es so schwierig, über Traumata zu sprechen?

Weil wir alle starke Männer und Frauen sind. Viele glauben, sie wären ein Weichei, wenn sie sich mit einem psychischen Problem outen.

Die Zahl der traumatisierten Bundeswehrsoldaten hat sich seit 2006 vervierfacht. Wie erklären Sie sich das?

Zum einen könnte es daran liegen, dass sich die Sicherheitslage im Norden Afghanistans verschärft hat und durch die vermehrten Anschläge die psychische Belastung größer geworden ist. Zum anderen könnte es sein, dass sich einfach mehr Betroffene outen.

Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer?

Wir haben keine Zahlen, gehen aber davon aus, dass es eine Grauzone gibt, die den Prozentsatz der Betroffenen erheblich steigern würde.

Was kann das von Ihnen geforderte Forschungszentrum, das die Bundeswehrkrankenhäuser nicht leisten können?

Es geht zum einen darum, Kompetenz zusammen zu fassen, Synergieeffekte zu nutzen, um besonders gute Behandlungsmöglichkeiten zu schaffen. Zum anderen müssen Posttraumatische Belastungsstörungen weiter erforscht werden.

Woran mangelt es nun mehr: An den Hilfen, oder an der Bereitschaft Betroffener, sich ihr Problem einzugestehen?

Entscheidend ist, dass die Betroffenen selbst, aber auch ihr Umfeld merkt, dass sie ärztliche Betreuung brauchen. Wir bilden dazu sogenannte Peers aus, Soldaten, die in einem 14-tägigen Lehrgang mit der Thematik vertraut gemacht werden und ihre Kameraden beobachten. Der Umgang mit Traumata muss schon in der Ausbildung integriert und regelmäßig wiederholt werden, in vielen Bereichen setzen wir das schon um. Und auch die Vorgesetzten müssen sensibel sein.

Wurde das Thema in der Vergangenheit zu wenig beachtet?

Wenn ich mir überlege, dass unsere Väter und Großväter aus dem Krieg heimgekehrt sind und sich niemand für ihre Probleme interessiert hat, sind wir heute wesentlich weiter. Wir wollen aber auch deutlich machen, dass durch die ärztliche Behandlung ein Heilungserfolg erzielt werden kann. Dass jemand hinterher ganz normal wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und seinen Dienst tun kann.

Sie haben bereits vor einem Jahr ein 17-Punkte-Programm aufgelegt, dass die Bundestagsfraktionen nun mit ihrem Antrag umsetzen wollen. Können Sie schon die Kosten absehen?

Nein, aber wer Soldaten in Einsätze schickt, der muss sich auch um die Folgen kümmern. Eines der reichsten Länder dieser Erde darf hier nicht aufs Geld schauen.

Interview: Jutta Maier

Datum:  12 | 2 | 2009
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