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29. Juli 2015

Interview: „Wir hätten uns mehr gewünscht“

 Von 
Die Grenzen zwischen Vorteilsnahme und Bestechung sind fließend. (Archivbild)  Foto: dpa

Niklas Schurig von der Initiative unbestechlicher Ärzte Mezis spricht über Interessenkonflikte und die Rolle der Patienten.

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Der Verband Mezis („Mein Essen zahl ich selbst“) fordert größere Unabhängigkeit der Ärzte von der Pharmaindustrie. Allgemeinarzt und Mezis-Vorstandsmitglied Niklas Schurig bewertet das neue Anti-Korruptionsgesetz.

Herr Schurig, hat Ihr Verband sein Ziel erreicht?
Es ist wichtig, dass die erste Lücke geschlossen wird und Bestechlichkeit und Bestechung künftig strafbar sind. Wir hätten uns aber etwas mehr gewünscht: Vorteilsnahme und Vorteilsgewährung sind vom Gesetz nicht erfasst. Es bleibt also eine große Grauzone.

Was meinen Sie mit Vorteilsnahme?
Man wird nicht unbedingt gleich von Bestechung sprechen, wenn ein viel verordnender Arzt von der Pharmaindustrie viele Reisen zu Ärztekongressen bezahlt bekommt oder Gutachten für viel Geld schreibt, die aber relativ wenig wert sind. Vorteilsnahme ist das aber sehr wohl. Und man möchte dann die Annehmlichkeiten ja auch irgendwie zurückgeben.

Ärztefunktionäre warnen vor einem Generalverdacht.
Die überwiegende Zahl der Kollegen arbeitet sauber. Aber die schwarzen Schafe muss man strafrechtlich belangen können.

Niklas Schurig ist im Vorstand von Mezis und zahlt sein Essen selbst.  Foto: privat

Wenn ein Arzt eine von der Firma X gesponserte Veranstaltung besucht, muss das doch nicht heißen, dass er nur deren Medikamente verschreibt, oder? Man weiß doch, dass die Firma X etwas verkaufen will.
Es gibt einen starken Interessenkonflikt und dem können Sie sich nicht entziehen. Die Ärzte haben gar nicht die Zeit, das Material in Ruhe durchzusehen, und zu durchblicken, ob der Nutzen eines Medikaments zum Beispiel wirklich so groß ist wie behauptet. Oft erkennen Kollegen es auch gar nicht, dass es Bestechlichkeit oder Vorteilnahme ist, wenn sie Prämien für die Verordnung bestimmter Medikamente annehmen.

Aber informieren müssen sich Ärzte doch, oder? Fortbildungen sind für Kassenärzte sogar vorgeschrieben. Und Pharmavertreter tingeln regelmäßig durch die Praxen.
Pharmavertreter empfangen ist verlorene Zeit. Die machen Produktwerbung und bringen keine Informationen. Fortbilden kann man sich nicht über Pharmareferenten. Gute Fortbildung kostet Geld. Es muss daher mehr unabhängige Anbieter von Fortbildungsveranstaltungen geben. Und die Kollegen müssen sich im Klaren sein, dass sie ohne Sponsoring eben auf das Schnittchen und den Lunch danach verzichten müssen.

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Und was kann der Patient tun?
Der Patient hat eine schwierige Rolle. Er muss dem Arzt ja vertrauen und bekommt Abhängigkeiten schwer mit. Er kann ein Problem selten an der Kugelschreiber-Aufschrift ablesen, manchmal schon. Er kann den Arzt aber bei einer Verordnung natürlich fragen, ob er von einer Pharmafirma Geld bekommt – so wie Sie beim Metzger fragen, ob das Fleisch Biofleisch ist.

Interview: Daniela Vates

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