Die Soldaten wissen nicht, was sie dort tun?
Sie wissen nicht viel Konkretes, nur manches sickert durch. Aber ich wusste: Die Kampfhubschrauber sind fliegende Panzer mit einer erheblichen Zerstörungskraft. Alles in allem behielt ich aber meine Zweifel für mich und recherchierte erst nach meiner Rückkehr nach Deutschland, was wir im Irak eigentlich machen.
Welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen?
Ich wollte auf keinen Fall wieder zurück in den Irak. Und ich konnte hoffen. Ich hatte einen Bürojob. Also dachte ich zunächst, ich könnte meinen fünfjährigen Vertrag erfüllen, ohne jemals wieder aktiv an diesem Krieg teilnehmen zu müssen. Diese Hoffnung musste ich Anfang 2007 aufgeben, als der zweite Marschbefehl in den Irak kam. Ich ging zu meinem Vorgesetzten und bat ihn, nicht mitgehen zu müssen. Er lehnte ab.
Und dann?
Ich suchte nach einem Ausweg. Ich wollte aber nicht wie andere den Befehl verweigern, um anschließend mehrere Monate im Gefängnis sitzen zu müssen. Ich hatte schließlich nichts falsch gemacht. Die US-Regierung hatte einen völkerrechtswidrigen Krieg begonnen. Für diesen Fehler wollte ich nicht bezahlen und unehrenhaft aus der Armee entlassen werden. Ich wollte auch nicht als verurteilter Krimineller durchs Leben gehen. Den Kriegsdienst wollte ich auch nicht verweigern. Ich bin gegen den völkerrechtswidrigen Krieg im Irak. Ich würde aber die Waffe in die Hand nehmen, um mein Land zu verteidigen, wenn es angegriffen wird.
Warum haben Sie sich nicht über den Krieg im Irak informiert, bevor Sie Soldat wurden?
Das hat viele Gründe. Ich hatte im Frühjahr 2000 mein Informatik-Studium abbrechen müssen, weil ich es nicht mehr finanzieren konnte. Anschließend hielt ich mich mit Aushilfsjobs über Wasser. Im Jahr 2003 war ich sechs Monate lang obdachlos und lebte in meinem Auto. Ich versuchte, zu überleben. Ich bekam nicht viel mit, was um mich herum geschah.
Die Armee als Ausweg aus der Misere - wie bei vielen GIs.
Ja, in dieser Zeit traf ich zufällig einen Rekrutierer auf der Straße. Er fragte mich, ob ich Zeit für ihn hätte. Bei einem Kaffee sagte er, ich sähe aus wie jemand, der anderen Menschen helfen wolle. Er erzählte mir, die Armee brauche Leute wie mich, um gegen Terroristen und Diktatoren zu kämpfen.
Das war zwei Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center?
Ja. Wie viele meiner Landsleute brannte auch ich darauf, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Außerdem erzählte er mir, wie sehr sich die Armee um mich kümmern werde. Ich bekäme ein Gehalt, werde medizinisch versorgt, könnte zu Ende studieren und und und. Für all das müsse ich mich zunächst lediglich für 15 Monate verpflichten. Er erzählte mir aber nicht, dass die Armee nach dieser Zeit bestimmt, ob ich gehen darf oder nicht. Das bekam ich erst viel später heraus. Doch von dem Gespräch war ich damals beeindruckt. Ich glaubte, ich könnte viele meiner Probleme lösen.
Wieviel Gehalt haben Sie bekommen?
Die ersten sechs Monate verdient ein Soldat rund 400 Dollar im Monat. Aber schon bald steigt das Einkommen auf bis zu 2000 Dollar. Einen Bonus von 5000 Dollar gibt es, wenn man nach den 15 Monaten freiwillig verlängert. Nimmt man alles zusammen, ist das ein gutes Angebot.
Hat die Armee Sie ausgetrickst?
Ja und nein. Sie haben mir nicht alles gesagt, sonst hätte ich nicht unterschrieben. Gleichzeitig konnte für mich zunächst nur alles besser werden. Also wurde ich im Januar 2004 Soldat.
Wir müssen noch mal nachfragen: Sie haben sich tatsächlich keinerlei Gedanken darüber gemacht, was Sie erwarten könnte?
Nicht wirklich. Erst mit der Zeit begriff ich, auf was ich mich da eingelassen hatte. Ich war auch ein wenig naiv. Es war die Zeit, in der viele in den USA dachten, wir verteidigen die Freiheit und bringen anderen die Demokratie. Es brach mir das Herz, als ich in den folgenden Jahren herausfand, dass unsere Regierung kein bisschen besser war als jene, die wir bekämpften. Besonders zwischen 2004 und heute passierten so viele erschütternde Dinge. Die Einschränkung der Bürgerrechte, die Folter in Abu Ghraib und in Guantánamo. Nichts davon hat mit den Vereinigten Staaten zu tun, in denen ich aufwuchs. Ich musste abwägen, ob ich weiter meine Prinzipien und die der US-Verfassung mit Füßen trete oder ob ich für sie einstehe.
Wer brach Ihnen das Herz?
Washington und die Bush-Regierung.
Sind Sie wütend?
Und wie! Es macht mich wütend, wenn Menschen getötet werden, denen wir Frieden und Freiheit bringen wollten. Es macht mich wütend, wenn das eine Regierung zu verantworten hat, die uns etwas vom gerechten Kampf erzählt, dann aber die eigenen Ziele nicht verfolgt. Es macht mich wütend, dass mich Leute in eine Situation gebracht heben, in der ich mitverantwortlich bin für den Tod von vielen Unschuldigen. Und wütend macht mich, dass die tatsächlich Verantwortlichen in Washington wie Bush und seine Krieger nicht zur Rechenschaft gezogen werden für ihre Taten. Diese Leute werden weiter seelenruhig auf ihrer Ranch leben oder hochdotierte Jobs annehmen, obwohl sie Blut an ihren Händen haben.
Hoffen Sie auf den künftigen US-Präsidenten Barack Obama?
Nein. Er hat bisher die beiden Kriege in Afghanistan und im Irak nicht verurteilt. Er hat lediglich gesagt, der Irak-Krieg sei ein Fehler gewesen. Obama hat auch Bush und seine Gang nicht verurteilt. Solange er das nicht sagt, vermittelt er den Eindruck, alles sei in Ordnung. Wenn Obama es aber ernst meint mit seinem propagierten Wandel, dann muss er den Krieg stoppen und mit den beteiligten Menschen und Regierungen reden. Das wird nicht einfach. Wie sollen wir uns für all die unschuldig getöteten Iraker und Soldaten entschuldigen?
Was muss Obama tun, um Ihr Vertrauen zu gewinnen?
Obama muss die Frage beantworten, wie wir das geschehene Unrecht wieder gut machen können. Ein Anfang wäre eine Feuerpause, während der Obama sich im Namen Amerikas entschuldigt. Anschließend muss er die verantwortliche Bush-Regierung anklagen. Schließlich haben sie unter anderem die Verfassung der Vereinigten Staaten mit Blut besudelt.
Mr. Shepherd, Sie werden vielleicht nie zu Ihrer Familie zurückkehren können. Ist Ihnen das wirklich schon bewusst geworden?
Ja, ich weiß, dass es diese Möglichkeit gibt.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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