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Interview mit Artur Becker: "Steinbach hat Dämonen geweckt"

Die Präsidentin des Vertriebenenbundes hat in Polen kollektive Ängste aufleben lassen, sagt der deutsch-polnische Autor. Im FR-Gespräch spricht er über Vertreibung und Flucht.

Die Ausstellung Erzwungene Wege wurde 2006 in Berlin gezeigt. Initiator war die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen.
Die Ausstellung "Erzwungene Wege" wurde 2006 in Berlin gezeigt. Initiator war die Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen".
Foto: ddp

In Polen wird weitgehend akzeptiert, dass in Berlin ein Museum und eine Gedenkstätte entstehen sollen, die sich den Fragen der Vertreibung widmen werden. Warum ruft die Person Erika Steinbach immer wieder so starke Emotionen hervor?

Die CDU-Politikerin hat 1990 gegen die Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze gestimmt, und damit hat sie für die Polen das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges auf den Kopf gestellt. Erika Steinbach hat mit ihrem Nein, so kurz nach der Wende, die kollektiven Ängste der Polen vor dem Verlust der nationalen Souveränität angesprochen. Es wurden alte Dämonen geweckt. Man fühlte sich in Polen nicht nur in die Zeit der Besatzung durch die Nazis zurückversetzt, sondern auch in die Zeit der drei Teilungen. Wahrscheinlich war Erika Steinbach nicht klar, welchen psychologisch-kulturgeschichtlichen Dominoeffekt sie bei den Polen mit ihrer Haltung hervorrufen würde. Die nationale Erinnerung lässt sich nicht in eine Zeitkapsel einschließen. Das polnische nationale Gedächtnis reagiert ganz anders auf Stichworte wie Vertreibung, Vertriebene, Grenze, Umsiedlung und so weiter als das deutsche. Bei dem Wort Gedenkstätte zum Beispiel denken die Polen an Westerplatte, Katyn, das Museum Auschwitz und Warschauer Aufstand - nicht an die Idee eines deutschen Zentrums gegen die Vertreibung.

Zur Person

Artur Becker wurde 1968 als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce (Masuren) geboren. Seit 1985 lebt er in Deutschland. Er schreibt Romane, Gedichte und Essays und wohnt im niedersächsischen Verden an der Aller.

Am 5. März erhält Becker in München den Adelbert-von-Chamisso-Preis, den die Robert-Bosch-Stiftung jährlich an Autoren vergibt, die auf Deutsch schreiben, deren Herkunftssprache aber nicht Deutsch ist.

Zuletzt erschienen die Romane "Das Herz von Chopin" (Hoffmann und Campe) und "Wodka und Messer. Das Lied vom Ertrinken" (Weiss-Books).

Artur Becker wurde 1968 als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce (Masuren) geboren.  Er schreibt Romane, Gedichte und Essays und wohnt im niedersächsischen Verden an der Aller.
Artur Becker wurde 1968 als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce (Masuren) geboren. Er schreibt Romane, Gedichte und Essays und wohnt im niedersächsischen Verden an der Aller.
Foto: dpa

Der Bund der Vertriebenen (BdV) ist seit der Präsidentschaft von Erika Steinbach nicht mehr nur ein Club der Ewiggestrigen. Ist das in Polen zur Kenntnis genommen worden?

Ja und nein. Professor Wladyslaw Bartoszewski und der Staatsminister Bernd Neumann haben sich zwar bei ihren Gesprächen gut verstanden, aber die polnische Beteiligung an dem Projekt einer europäischen Gedenkstätte für Flucht und Vertreibung wird, wie es scheint, minimal sein. Man hat angekündigt, dass sich polnische Historiker an dem Projekt beteiligen werden. Und dennoch: In Polen spricht man oft nicht von der Vertreibung, sondern von der Flucht, vor allem im Zusammenhang mit Ostpreußen und Breslau: Die Flucht der Deutschen aus Ermland und Masuren sei nicht vergleichbar mit der Umsiedlung der Deutschen aus Breslau. Dass in Jalta von drei Herren der Grundstein für ein neues Europa gelegt wurde, ist natürlich jedem Polen klar. Aber der BdV wird wahrscheinlich nie eine volle Akzeptanz der Polen finden, zumindest nicht solch eine Akzeptanz wie der ADAC. Das mag absurd klingen, doch es zeigt uns, wie empfindlich die Polen auf das Stichwort Vertreibung reagieren. Man denkt, vor allem nach 1989, an die Umsiedlung der Polen aus Lemberg und Wilna. Im stalinistischen Regime und auch noch später war die Vertreibung der Polen aus Galizien oder Litauen ein Tabuthema. Und die polnische Literatur hat erst nach 1989 viele belletristische Werke hervorgebracht, die sich mit der deutschen Geschichte von Breslau oder Danzig intensiv auseinandersetzen.

Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk und Kanzlerin Angela Merkel scheinen in dieser Frage beide unter einem enormen innenpolitischen Druck zu stehen. Warum ist die Zeit nicht reif, hier zu souveränen Entscheidungen zu kommen?

Ich bin froh, dass ich nicht in deren Haut stecke. Ich glaube aber, dass unsere Zeit für einen Neuanfang in der deutsch-polnischen Beziehung sogar ausgezeichnet ist. Die Eiszeit in den deutsch-polnischen Beziehungen hat mehr oder weniger begonnen, als die rechtskonservative Partei PIS an die Macht kam. Plötzlich wunderte man sich, dass Vorurteile und alte Verhaltensmuster wieder lebendig wurden.

In Polen wird befürchtet, die Deutschen wollten ihr Täterimage abstreifen und die Geschichte umdeuten. Fürchten Sie derlei Manipulationen am Geschichtsbild?

Überhaupt nicht: Ich lebe in einem freundlichen und liberalen Land, das meine Bücher nicht verbietet und meine Arbeit nicht behindert, auch wenn ich manchmal sehr kritisch bin und ab und zu auf die politische Korrektheit pfeife. Ich kann aber verstehen, warum in Polen der Rolle von Erika Steinbach so viel Gewicht beigemessen wird. Sie verkörpert für viele Polen das revisionistische Denken, und das ist natürlich für Populisten meiner alten Heimat ein gefundenes Fressen.

In Polen hat es in der Vergangenheit heftige geschichtspolitische Debatten um Schuld und Täterschaft gegeben, etwa um die Verantwortung von Polen an dem Pogrom in Jedwabne. Kann es sein, dass Erika Steinbach da einen willkommenen Anlass bietet, um von sehr viel komplexeren Fragen abzulenken?

Entschieden nein. Ich mag keine Verschwörungstheorien. Sie sind ein Ausdruck der intellektuellen Unbeholfenheit. Und sie erinnern mich an die negativen Auswirkungen der osteuropäischen Romantik und des osteuropäischen Messianismus. Für die Polen ist es sehr schwierig zu begreifen, dass einige ihrer Landsleute während des Zweiten Weltkrieges Juden oder - eben aus Rache - Deutsche umgebracht haben sollen. In der Rolle der Täter können sie sich ganz einfach nicht sehen, das ist nahezu ausgeschlossen - haben sie doch in ihrer Heimat die Nazis in den meisten Fällen als Bestien erlebt. Die Nazis verfolgten in Polen in erster Linie die geistige Vernichtung dieses Volkes, und dieses damalige Ziel hat bis heute große Auswirkungen gehabt. Jan Tomasz Gross' Bücher, auf die Sie anspielen, haben aber mehr oder weniger eine homöopathische Wirkung. Sie zwingen die Polen zur Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte des Antisemitismus in ihrem eigenen Land. Und da kann man sagen und schreiben, was man will: Den Antisemitismus gab es und gibt es in Polen bis heute. Nur ist er, was seine zerstörerische Wirkung angeht, machtlos gegenüber der großen Mehrheit, die sich in Polen zu Freunden der polnischen Juden zählt. Für diese Freundschaft haben eben nicht nur polnische Juden gesorgt, die sich von Gomulka nicht haben einschüchtern lassen und in Polen zwischen 1968 und 1972 - also während der antisemitischen Vertreibungswelle - geblieben sind. Im Übrigen gibt es seit 1990 eine Renaissance der jüdischen Kultur und des jüdischen Glaubens in Polen, insbesondere in Krakau und Warschau.

Herr Becker, Sie sind gerade mit dem Chamisso-Preis ausgezeichnet worden, den Autoren erhalten, die auf Deutsch schreiben, aber nichtdeutscher Sprachherkunft sind. Was teilen Sie den Polen über Deutschland mit?

Nichts als die Wahrheit: Dass ich an Deutschland glaube und bereit bin, diesem Land zu dienen - wie meinem Polen. Vor allen Dingen sage ich aber meinen Landsleuten, dass wir uns sehr ähnlich sind.

Interview: Harry Nutt

Datum:  25 | 2 | 2009
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