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Gespräch mit Bruce Springsteen : Der Boss knöpft sich die Wall Street vor

Bruce Springsteen will singen wie Bob Dylan, immer am Puls der Zeit. In seinem neuen Album „Wrecking Ball“ wettert er gegen Banker und erzählt, welche Schäden die katholische Erziehung bei ihm hinterlassen hat.

 Am Puls der Zeit: Bruce Springsteen.
Am Puls der Zeit: Bruce Springsteen.
Foto: Sony Music / Danny Clinch

Näher als einen halben Meter wagt sich, trotz des Gedrängels der Journalisten, niemand an Bruce Springsteen heran. Natürliche Autorität. Da steht er, lässig in schwarzen Jeans, schwarzem Hemd und Anzug an der Bar im Théatre Marigny an den Champs Elysées in Paris.

Der 62-Jährige war nach Paris gekommen, um etwas zu machen, auf das er sonst meist verzichtet – mit der Presse sprechen. Im großen Saal des Theaters hatte sich Springsteen den Fragen europäischer Journalisten gestellt.

Mr. Springsteen, Ihr neues Album „Wrecking Ball“ ist ein wütendes Pamphlet gegen die Gierigen der Wall Street, zugleich porträtieren Sie in vielen Songs die Opfer der Finanzkrise. Ist es hilfreich für einen Rock-Sänger, wenn er sich mit viel Wut im Bauch an die Arbeit macht?

Neues Album

Bruce Springsteens neues Album „Wrecking Ball“ erscheint am 2.März. Dieses Mal arbeitet Springsteen sich an den gierigen, unmoralischen Bankern der Wall Street ab. Gleichzeitig versucht er, die Leidtragenden der Krise aufzurichten. "Der Boss" gibt Open-Air-Konzerte in Frankfurt (25. Mai), Köln (27. Mai) und Berlin am 30. Mai.

Es kann im Rock ’n’ Roll nie schaden, wenn du stinksauer bist. Und ja, die erste Hälfte des Albums ist von besonders wütenden Songs geprägt. Die meisten dieser Lieder entstanden 2008, zu Beginn der gewaltigen Finanzkrise.

Damals verloren in den USA viele Menschen ihre Häuser, darunter auch Freunde von mir. Was mich aufregte war: Niemand schien dafür verantwortlich zu sein. Es gab keinen Aufschrei der Empörung, keine Stimmen des Protestes, wie sie erst später durch die Occupy-Bewegung laut wurden.

Was hat die Occupy-Bewegung Ihrer Ansicht nach bewirkt?

Occupy war deshalb sehr kraftvoll, weil es erstmals die Ungleichheit in der Gesellschaft so angesprochen hat, dass es jetzt die nationale Debatte bestimmt. Das war vorher nicht möglich gewesen. Alle Versuche, diese Debatte über Ungleichheit und Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft zu führen, wurden durch die Rechte, vor allem durch die Tea-Party-Bewegung abgewürgt.

Das hatte Obama enorm unter Druck gesetzt. Jetzt wird überall darüber diskutiert. Und warum? Weil die Menschen auf die Straße gegangen sind. Es funktioniert.

Woran machen Sie das fest?

Zum Beispiel daran, dass der Republikaner Newt Gingrich seinen Parteikollegen Mitt Romney als „Finanz-Geier“ beschimpft. Das wäre vor Occupy nicht vorstellbar gewesen. Jetzt werden die Debatten in den USA zu 99 Prozent von diesem Thema bestimmt. Das ist wichtig.

In Ihren neuen Songs werden die „Bad Banker“ als „Fat Cats“ gescholten, oder Sie fordern: „Send the robber barons straight to hell“.

Weil sie uns unserer Ideale und Werte beraubt haben. Die Gier dieser Leute richtete sich gegen alles, wofür die amerikanische Idee steht. Ich habe in meinen Songs immer versucht, das Ideal des amerikanischen Traums mit der amerikanischen Realität abzugleichen. Ich wollte immer wissen, wie weit liegen Vision und Wirklichkeit auseinander?

Sie bringen in dem Kontext die Flagge mit ins Spiel, als Symbol für die Besinnung auf patriotische Werte, die bei Ihnen immer auch menschliche sind.

Patriotismus und Bilder wie das der US-Flagge, werden oft von der Rechten für sich beansprucht. Ich fordere sie zurück. Das habe ich auch in früheren Songs schon gemacht.

Aber auch Ihr kritischer Patriotismus ist von den Konservativen vereinnahmt worden. Das populärste Beispiel war Ihr Song „Born In The USA“, der die Geschichte eines Vietnam-Heimkehrer erzählt. Ronald Reagan hatte den Song 1984 vor allem auf seinen schlagkräftigen Titel reduziert. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen das mit neuen Songs auch passieren könnte?

Man darf keine Angst haben, solche Metaphern, solche Symbole, zu benutzen. Sehen Sie, wenn ich so einen Song schreibe, mache ich mir dazu viele Gedanken. Ich bin sehr um Präzision bemüht, formuliere mit Bedacht und Klarheit. Wenn ich ihn dann veröffentliche, müssen sich die Hörer ihre eigene Meinung dazu bilden.

Und wenn sie den Inhalt komplett anders deuten?

Dann haben sie vielleicht nicht genau hingehört, sollten sich vielleicht noch ein zweites Mal gründlicher damit beschäftigen. In vielen meiner Lieder gibt es unterschwellig diese patriotischen Gefühle. Es ist aber immer eine sehr kritische, eine infrage stellende, manchmal wütende Form des Patriotismus. Und ich will das nicht aufgeben, dazu bin ich nicht bereit – nur weil irgendjemand meine ursprünglichen Aussagen vereinfachen oder missverstehen könnte.

Wenn ich Songs schreibe, bin ich ehrlich. Das ist wohl auch der Grund, warum es zwischen mir und meinen Fans seit Jahrzehnten diese intensive Verbindung gibt. Ich möchte mit meinen Liedern, Körper und Geist ansprechen. Ich möchte in den Songs aufsaugen, was gerade in der Gesellschaft, auf den Straßen passiert. Das habe ich an Bob Dylan immer bewundert. Das will ich auch erreichen.

"Die Bush-Regierung war so furchtbar, dass ich etwas tun musste"

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Autor:  Martin Scholz
Datum:  20 | 2 | 2012
Seiten:  1 2
Kommentare:  1
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