Herr Butterwegge, laut Paritätischem Gesamtverband ist in Teilen Deutschlands jeder vierte arm. Dabei hat die Krise noch gar nicht voll durchgeschlagen. Wie viel schlimmer wird es noch?
Die Armut wird deutlich zunehmen, zum einen wegen der steigenden Arbeitslosigkeit, zum anderen wegen sinkender Löhne. Wir werden soziale Verwerfungen haben, und auch viel schärfere Verteilungskämpfe. Da sehe ich schon Parallelen zur Weltwirtschaftskrise der 30er - auch wenn wir heute einen Sozialstaat haben, der manches abfedert.
Bisher waren vor allem Alleinerziehende und Langzeitarbeitslose von Armut bedroht. Ändert sich das durch die Krise?
Die Krisenverlierer gibt es sicher hauptsächlich in den Bevölkerungsschichten, die ohnehin ein größeres Armutsrisiko tragen: schlecht Qualifizierte, Leiharbeiter, Minijobber und ganz besonders die Alleinerziehenden und ihre Kinder. Auf uns kommt eine riesige Entlassungswelle zu, und als erste verlieren die ihren Job, die schlecht qualifiziert sind und die man für unflexibel hält - wie Frauen mit Kindern. Aber auch der Niedriglohnsektor wird sich aufgrund fallender Löhne weiter ausweiten - und das bedeutet mehr Armut. Und es wird in bestimmten Regionen, die sehr durch industrielle Fertigung geprägt sind, besonders starke Einbrüche geben.
Droht damit eine Verarmung weiter Bevölkerungsteile?
Die Armut ist dabei, zur Normalität in Deutschland zu werden. Und sie trifft auch ganz unterschiedliche Gruppen. Es könnten sogar viele Menschen arbeitslos werden, die hoch qualifiziert sind und ihr ganzes Leben lang in festen Arbeitsverhältnissen waren. Längerfristig fürchte ich zudem, dass wir nach einer Verjüngung der Armut in den letzten Jahren nun wieder verstärkt mit Altersarmut rechnen müssen - das hat aber vor allem mit der Rentenpolitik zu tun.
Der Paritätische Verband kritisiert, dass die Konjunkturprogramme bisher die Spaltung zwischen und Arm und Reich noch vergrößerten. Muss ein drittes Konjunkturpaket her?
Auf jeden Fall - eines, von dem endlich Menschen mit geringer Kaufkraft profitieren. Ein gesetzlicher Mindestlohn zum Beispiel wäre ein ideales Konjunkturprogramm, denn damit würde die Binnennachfrage angekurbelt. Außerdem müssten die Regelsätze bei Hartz IV auf mindestens 450 Euro hochgesetzt werden, denn auch die Hartz IV-Empfänger geben jeden Cent sofort aus, den sie bekommen. Vor allem die Sätze für Kinder müssten deutlich erhöht werden - von 211 auf 300 Euro.
Der Armutsatlas zeigt ein starkes Regionalgefälle. Wie kann man verhindern, dass ganze Länder weiter veröden?
Da wäre eine regionale Strukturpolitik nötig, die den Namen verdient. Statt nach dem Solidaritätsprinzip die Schwachen zu stärken, hat man die Regionen zuletzt stärker sich selbst überlassen oder sogar - neoliberalen Konzepten folgend - im Sinne eines Wettbewerbsföderalismus dafür gesorgt, dass sich die starken Ländern von den schwächeren absetzen konnten. Mehr Armut auf der einen, mehr Reichtum auf der anderen Seite sind die Folge.
Interview: Nadja Erb
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