kalaydo.de Anzeigen

Interview mit Filmemacherin Siba Shakib: "Wir hatten Glück im Unglück"

Die iranisch-deutsche Filmemacherin und Autorin Siba Shakib über scheinheilige Mullahs, den amoralischen Märtyrer Mussawi und warum es gut ist, dass er nicht Präsident geworden ist.

Siba Shakib, geboren in Teheran, arbeitet als Autorin, Journalistin und engagierte Filmemacherin in Italien und in den USA. Bekannt wurde sie in Deutschland, wo sie lange Zeit lebte, mit ihrem Bestseller Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen.
Siba Shakib, geboren in Teheran, arbeitet als Autorin, Journalistin und engagierte Filmemacherin in Italien und in den USA. Bekannt wurde sie in Deutschland, wo sie lange Zeit lebte, mit ihrem Bestseller "Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen".

Frau Shakib, wann waren Sie zuletzt im Iran?

Ich gehöre nicht zu den Iranern, die fliehen mussten und nicht mehr einreisen können. Ich bin regelmäßig im Iran, weil ich dort Familie, Freunde und Kollegen habe. Und ich reise dorthin für Dreharbeiten und für Recherchen wie für mein letztes Buch "Eskandar" zum Beispiel. Der Iran ist meine Heimat, und die lebt in mir.

Zur Person

Siba Shakib, geboren in Teheran, arbeitet als Autorin, Journalistin und engagierte Filmemacherin in Italien und in den USA. Bekannt wurde sie in Deutschland, wo sie lange Zeit lebte, mit ihrem Bestseller "Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen", der 2002 erschien und in 27 Sprachen übersetzt wurde. In Afghanistan hat sie in den vergangenen Jahren immer wieder gearbeitet; für ihre Dokumentation über die Frauen von Kabul wurde sie ausgezeichnet. Als Beraterin fungiert die Afghanistan-Kennerin Shakib auch für die internationale Schutztruppe Isaf.

Ihr neues Buch "Eskandar" (Bertelsmann) erzählt die Geschichte eines Jungen, der zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in einem iranischen Dorf aufwächst und die Einflussnahme ausländischer Kräfte am eigenen Leib erlebt - ein Epos über ein Jahrhundert iranischer Geschichte.

Was berichten Ihnen Ihre Freunde und Verwandten zurzeit?

Die Kommunikation ist schwierig, Leitungen werden gekappt, Internetverbindungen gesperrt und Mobiltelefonnetze abgeschaltet. Interessant ist aber, dass Informationen, Bilder, Parolen, wenn sie den Weg nach Europa und in die USA schaffen, auf diesem Weg zurück in den Iran gelangen - und zwar ins gesamte Land. Wenn man mittendrin im Geschehen und in Demonstrationen ist, ist man darauf angewiesen, zu erfahren, was in anderen Stadtteilen und Städten des Landes geschehen ist. Die neuen Medien und Kommunikationsmittel machen es möglich, dass innerhalb von Minuten, allenfalls Stunden Informationen um die Welt gehen. Denken Sie an das Video von der jungen Frau Neda, die erschossen worden ist. Es ist ein zentrales Phänomen dieser Bewegung, dass sie wesentlich von Menschen im Ausland gestützt wird. Die weltweite Aufmerksamkeit und Solidarität der Menschen ist die Lebensader der Bewegung und der Menschen im Iran.

Liest man die in Englisch geschriebenen Protestschilder, könnte man meinen, die Bewegung kommuniziere mit der westlichen Welt.

So ist es. Die Botschaft ist eindeutig: Seht her, wir sind nicht naiv oder gar dumm, wir wissen ganz genau, woran es uns mangelt und was wir wollen. Wir sind modern, nicht nur, weil wir moderne Kommunikationsmittel benutzen, und wir wollen eine moderne Gesellschaft.

Modern? Wie passt denn der Revo-lutionsausruf Allahuakbar dazu, der jetzt wieder überall ertönt?

Mit dieser islamischen Parole ist vor 30 Jahren der Schah aus dem Land getrieben worden. Und jetzt signalisiert man eben den aktuellen Machthabern: Wir sind stark und mutig und können euch abschaffen, so wie wir den Schah abgeschafft haben. Der Ausruf ist eine Warnung.

Die islamische Republik ist vor 30 Jahren angetreten, der korrupten politischen Klasse des Schah-Regimes den Garaus zu machen…

…und jetzt leidet die Bevölkerung unter einem politischen Establishment, das genauso korrupt und raffgierig ist. Und es spielte in den 30 Jahren nach der Revolution nie wirklich eine Rolle, wer Staatspräsident war, wer Premier war. Die Bewegung hat in erster Linie natürlich soziale und wirtschaftliche Gründe.

Nach Jahren der Misswirtschaft Ahmadinedschads kein Wunder.

Ahmadinedschad und allen, die mit ihm und vor ihm an der Macht sind und gewesen sind. In meinem Bekanntenkreis kenne ich keine einzige Frau, die nicht arbeiten gehen muss. Und viele Männer müssen zwei oder drei Jobs machen, um ihre Familien über die Runden zu bekommen. Den Menschen geht es extrem schlecht. Umgekehrt fürchtet das Establishment jetzt mehr denn je um seine Pfründe. Jemand wie Ajatollah Rafsandschani, der zu den reichsten Männern des Landes gehört, kritisiert ja nicht den Revolutionsführer Chamenei, um sich für Menschenrechte, Freiheit oder sozialere Lebensverhältnisse einzusetzen.

Verdient Mussawi, der als Kopf der Bewegung gilt, überhaupt das Etikett Oppositioneller?

Also man muss hier ganz klar unterscheiden zwischen den Zielen dieser Bewegung und dem Personal, das mit ihr identifiziert wird. Mussawi ist keine Alternative, auch nicht zu Ahmadinedschad. Mussawi war in seiner Zeit als Premier so korrupt wie die gesamte politische Klasse, er hat Blut an den Händen, er ist verantwortlich für sehr viel Leid und Not. Oder nehmen Sie Chatami, der acht Jahre lang Präsident war.

Er galt im Westen als Reformer.

Welche Reform hat er denn gebracht? Im Iran hat damals kein Mensch verstanden, warum der Westen so viel Hoffnung in Chatami gesetzt hat. Auch unter Chatami wurden Intellektuelle verhaftet und ermordet, waren die Gefängnisse voll mit politischen Häftlingen. Man sollte also grundsätzlich zurückhaltend damit sein, Mitglieder der politischen und klerikalen Elite im Iran als Oppositionelle zu sehen, als Regime-Kritiker sogar, nur weil sie mal den Wächterrat kritisiert haben. Das veruracht bei denen, die sich mit dem Iran nicht so gut auskennen, nur falsche Vorstellungen. Ich bin aber überzeugt davon, dass die große Mehrheit derer, die jetzt im Iran auf die Straße gehen, sehr wohl fundamentale Verbesserungen anstrebt. Die Menschen wollen mehr Freiheit und mehr Selbstbestimmung.

Ist es also mehrheitlich ein Protest gegen den Gottesstaat?

Den Begriff Gottesstaat kennen wir im Iran nicht. Und man muss auch differenzieren. Nicht jeder, der jetzt demonstriert, ist per se gegen das Mullah-Regime. Allerdings haben Globalisierung und moderne Kommunikationstechniken und das damit einhergehende Wissen um die Errungenschaften moderner Gesellschaften dazu beigetragen, dass auch die meisten Iraner nach modernen Standards leben, ohne sich deshalb gleich verwestlichen zu wollen.

1 von 3
Nächste Seite »
Datum:  26 | 6 | 2009
Seiten:  1 2 3
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Spezial

Katholische Kirche und Reformpädagogik unter Druck: Immer mehr Fälle sexuellen Missbrauchs werden bekannt.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!