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Interview mit Jochen Hippler: "Der soziale Konsens ist bedroht"

Es ist ein Wunder, wenn sich in einigen Ländern soziale Ungleichheiten nicht verschärfen. Der Politologe Jochen Hippler spricht im FR-Interview über die Gefahren der Krise für den Frieden.

Jochen Hippler ist Politikwissenschaftler am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg-Essen.
Jochen Hippler ist Politikwissenschaftler am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg-Essen.
Foto: privat

Wächst mit zunehmender Dauer der Weltwirtschaftskrise die Gefahr sozialer Unruhen?

Diese Diskussion hat unter anderem die SPD-Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan angestoßen. In der Vergangenheit hat die Verschärfung sozialer Not oft dazu geführt, dass sich Konflikte in Ländern zuspitzen. Das hat es in den USA bei der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre gegeben, das hat es in Dritte-Welt-Ländern immer wieder gegeben. Es wäre ein Wunder, wenn sich in einigen Ländern soziale Ungleichheiten nicht verschärfen und es dort nicht zu gewaltsamen Konflikten kommen würde.

Zur Person

Jochen Hippler ist Politikwissenschaftler am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg-Essen. Er ist Mitherausgeber des Friedensgutachtens, das Hippler und seine Kollegen am Dienstag in Berlin vorstellen.

Die Weltwirtschaftskrise verschärft in vielen Ländern Konflikte, die auch zu Gewaltausbrüchen führen könnten, warnt Hippler. Die Industrienationen unterschätzten diese Gefahren und müssten ihre Politik ändern.

Was sind Ihre größten Sorgen?

Dass die internationale Politik diese Gefahren nicht stärker berücksichtigt. Derzeit wird in den Industrienationen fast ausschließlich über die Rettung von Banken oder Autoherstellern gesprochen. Gleichzeitig bleibt das Gewaltpotenzial, das in verschärften sozialen Situationen steckt, fast unberücksichtigt.

Was fehlt Ihnen?

Es ist wichtig, die ökonomischen Reaktionen auf die Wirtschaftskrise mit einer aktiven Sozialpolitik zu verknüpfen, die sich darum bemüht, die sozialen Folgen aufzufangen. Das gilt einerseits für Deutschland und die Europäische Union, vor allem aber für Entwicklungsländer. Letztere sind gegen Krisen dieser Art weniger abgesichert. Dort wird es bald wieder viel mehr arme Menschen geben als vorher. Damit würden die Erfolge bei der Armutsbekämpfung der letzten Jahre wieder verloren gehen.

Welche konkreten Konflikte erwarten Sie?

Wenn Sie Länder nehmen, die gerade einen Krieg hinter sich haben oder am Rande gewaltsamer Konflikte stehen, dann ist die Gefahr sozialer Unruhen besonders groß. Schauen Sie sich beispielsweise Pakistan an. Es ist ein Land, das in einer Gewaltkrise steckt und zudem dramatische wirtschaftliche Probleme hat - selbst ohne die Weltwirtschaftskrise. Wenn die Krise die Ökonomie des Landes weiter schwächt - sei es durch Ausfälle beim Export oder durch sinkende Überweisungen der im Ausland arbeitenden Pakistani - dann haben wir ein großes Problem.

Denken Sie an einen verschärften Verteilungskampf oder gar an einen Bürgerkrieg?

Den Bürgerkrieg gibt es im Nordwesten des Landes bereits. Im vergangenen Jahr starben dort rund 9000 Menschen. Dort kämpft die Armee derzeit gegen die Taliban. Das Problem ist vor allem: Wenn der Verteilungskuchen kleiner wird, sinkt die Chance einer Politik, die Konflikte dämpft. Den geringen Spielraum könnten Geberländer weiter einschränken, wenn sie wegen der Wirtschaftskrise die Entwicklungshilfe drosseln.

Welche Gefahren sehen Sie für Deutschland?

Wenn die Krise bald überwunden wird, dann ist die Gefahr gering. Wenn die Krise sich aber länger hinzöge, ist der soziale Konsens bedroht, der ja eine wichtige Produktionsressource ist. Die jüngste Diskussion zu diesem Thema war fruchtbar. Denn viele wirtschaftliche und gesellschaftliche Glaubensfragen wurden in Frage gestellt. So kann wieder kritisch über Kapitalismus diskutiert werden. Das ist ein Fortschritt.

Interview: Andreas Schwarzkopf

Datum:  26 | 5 | 2009
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