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Interview mit Jürgen Trittin: "Ich male mir keine 18 unter die Schuhe"

Jürgen Trittin spricht im FR-Interview über den Druck auf Grüne und FDP, eine Wiederauflage der großen Koalition zu verhindern. "Ihre Ablösung ist aber keine Frage von "Wünsch Dir Was".

Ist ein guter Grüner auch ein guter Pokerspieler? Jürgen Trittin wird die Antwort wohl nach dem 27. September geben müssen.
Ist ein guter Grüner auch ein guter Pokerspieler? Jürgen Trittin wird die Antwort wohl nach dem 27. September geben müssen.
Foto: dpa

Herr Trittin, wo steht Ihr Schreibtisch nach der Wahl?

Wir Grünen wollen dieses Land regieren in einer Koalition der sozialen Gerechtigkeit und ökologischen Modernisierung, der Wahrung der Bürgerrechte und einer verlässlichen Außenpolitik. Wenn das alles am 27. September klappt, dann werden Grüne auch wieder am Kabinettstisch sitzen.

Zur Person

Jürgen Trittin, Ex-Bundesumweltminister, führt als Spitzenkandidat gemeinsam mit Renate Kühnast den Grünen Wahlkampf an.

Das Fünfparteiensystem produziert Dreierbündnisse, die alle Parteien zum Pokern zwingen, prognostiziert der grüne Stratege.

Ist ein guter Grüner auch ein guter Pokerspieler? Jürgen Trittin wird die Antwort wohl nach dem 27. September geben müssen.
Ist ein guter Grüner auch ein guter Pokerspieler? Jürgen Trittin wird die Antwort wohl nach dem 27. September geben müssen.
Foto: rtr

Wahlziel der Grünen ist, dritte Kraft zu werden vor der FDP. Dann müssten Sie Vizekanzler und Außenminister einer schwarz-grünen Regierung sein.

Ach was! Wenn es uns gelingt, Schwarz-Gelb zu verhindern - und nach 14 Wahlen, die Frau Merkel verloren hat, halte ich das für ein erreichbares Ziel -, dann wird es keine Zwei-Parteienmehrheit jenseits der großen Koalition geben. Dann werden alle Parteien unter Druck sein, darüber zu verhandeln, ob es eine Alternative gibt zur großen Koalition.

Politiker im Wahlkampf

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Im Gegensatz zu Jamaika schließen die Grünen Schwarz-Grün nicht aus. Die Mehrheit Ihrer Anhänger würde sogar lieber Merkel als Steinmeier als Kanzler sehen. Wäre Schwarz-Grün nicht spannender als eine Ampel?

Ist das realistisch? Ich glaube nicht! Frau Merkel wird erhebliche Probleme haben, die 35 Prozent vom letzten Mal auch nur annähernd zu erreichen. Ich bin sehr für ein gutes grünes Wahlergebnis und überzeugt, dass wir es schaffen können, vor der FDP zu liegen. Aber ich male mir keine 18 unter die Schuhsohlen. Schwarz-Grün ist eine Spekulation, die uns schaden soll. Wenn es uns gelingt Schwarz-Gelb zu verhindern, dann gibt es realistisch nur Dreierkonstellationen als Alternative zur großen Koalition.

Mit SPD und FDP. Warum sollte die sich darauf einlassen?

Es ist das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, dass wir nach der Wahl eine sehr offene Situation haben, wo alle Parteien miteinander pokern werden. Da wird der Druck auf die FDP wie auf die Grünen riesengroß sein, nicht schuld zu sein an einer Wiederauflage der großen Koalition.

Ist Guido Westerwelle als Person für Grüne nicht genauso unverträglich wie Oskar Lafontaine für die SPD? Gerade hat er gegen "staatlich bezahlte" Faulenzer gewettert.

Diese Äußerungen von Westerwelle sind unsäglich, übertroffen nur noch von Rüttgers´ rassistischen Rumänen-Pöbeleien. Die Ablösung der großen Koalition ist aber keine Frage von "Wünsch Dir Was". Wer Schwarz-Gelb verhindern und die große Koalition beenden will, wird verhandeln müssen. Wenn grüne Inhalte nicht durchsetzbar sind, dann gibt es eine klare grüne Absage.

Wie oft verzweifeln Sie derzeit am Wunschpartner SPD?

Die SPD hat sich in der großen Koalition an der Vorbereitung eines Klimas beteiligt, das Schwarz-Gelb begünstigt. Sie hat die Wiederauflage der großen Koalition nie ausgeschlossen. Deshalb führt sie diesen Wahlkampf mit angezogener Handbremse. So kann sie Schwarz-Gelb nicht verhindern. Das liegt an uns Grünen.

In Thüringen werden die Grünen für Rot-Rot-Grün umworben. Im Saarland locken CDU und FDP. Kann eine Partei so offen sein, ohne zum beliebigen Mehrheitsbeschaffer zu werden?

Alle Parteien müssen mit den Folgen eines Fünfparteiensystems umgehen, wo Mehrheiten nicht mehr eindeutig sind. Umso mehr kommt es auf Inhalte an. Da stehen die Grünen in allen Ländern für das Gleiche: bessere Bildung, erneuerbare Energien und Atomausstieg. Im Übrigen ist die Lage in Thüringen so, dass die SPD sowohl mit der CDU als auch mit der Linken eine eigene Mehrheit bilden kann - ganz ohne die Grünen. Und im Saarland haben wir eine klare Priorität für einen SPD-Ministerpräsidenten Heiko Maas, das ergibt sich aus der inhaltlichen Übereinstimmung in der Energie- und der Bildungspolitik .

Der Wahlkampf hat jetzt ein neues Thema : Afghanistan.

Niemand wünscht sich, dass so etwas wie jetzt in Afghanistan passiert. Es ist unglaublich, mit welcher Verdruckstheit die Bundeskanzlerin auf diese Vorfälle reagiert hat. Da verhält sich der Isaf-Kommandeur vorbildlich, und die Kanzlerin ist beleidigt. Selten war Deutschland in Europa so isoliert. Die Politik des Weiter- so der Regierung ist gescheitert.

Das Thema könnte vor allem der Linkspartei Auftrieb geben.

Die Forderung der Linkspartei nach einem Sofort-Abzug der Bundeswehr ist ebenso unrealistisch wie das Weiter-so der Bundesregierung. Wir brauchen konkrete Zeitziele, bis wann was in Afghanistan erreicht sein soll. Nur so kann der Einsatz seinem notwendigen Ende zugeführt werden, ohne das Land erneut in einen Bürgerkrieg zu stürzen.

Interview: Vera Gaserow

Datum:  9 | 9 | 2009
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