Frau Dyckmans, als im Internet über die Frage abgestimmt werden konnte, zu welchen Themen Kanzlerin Merkel Stellung beziehen soll, gewann die Frage nach der Legalisierung von Cannabis. Sind wir ein Volk von Kiffern?
Nein. Die Befürworter einer Legalisierung von Cannabis sind gut organisiert und vernetzt. Sie haben es geschafft, die Abstimmung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Repräsentativ war das nicht.
Wie stehen Sie zu einer Freigabe?
Ich bin gegen eine Freigabe. Cannabis ist und bleibt eine gesundheitsgefährdende Droge. Cannabis verursacht erhebliche gesundheitliche Probleme. Gerade bei Jugendlichen kann es zu Angstzuständen, Psychosen und Depressionen kommen.
Sie arbeiten derzeit an der neuen nationalen Strategie zur Drogen und Suchtpolitik. Der alte Plan stammte aus dem Jahre 2003. Was wollen Sie anders machen?
Wir müssen vor allem auf die neuen Entwicklungen reagieren. So hat sich das Konsumverhalten deutlich verändert. Der Mischkonsum verschiedener Substanzen hat zugenommen. Anders als heute war auch die Internet-Sucht 2003 noch kein großes Thema. Ein neuer Schwerpunkt ist zudem die Sucht im Alter.
Gibt es dazu konkrete Zahlen?
Bisher wird Abhängigkeit im Alter zu wenig beachtet und oft nicht erkannt. Wir schätzen, dass rund 400000 ältere Menschen über 60 ein Alkoholproblem haben. Und aus Untersuchungen wissen wir, dass 14 Prozent der Menschen, die ambulant oder im Heim betreut werden, Alkohol- oder Medikamentenprobleme haben. Das sind alarmierende Zahlen. Angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft werden die absoluten Zahlen der Betroffenen noch zunehmen. Wir müssen daher Sucht im Alter mehr in den Fokus der Öffentlichkeit und der Fachleute im Gesundheitswesen rücken und unsere Hilfen darauf ausrichten.
Welche süchtig machenden Medikamente nehmen ältere Menschen? Wir sprechen vor allem über Schlaf- und Beruhigungsmittel. Sie sind bei älteren Menschen besonders gefährlich. Es steigt die Gefahr von schweren Stürzen und anderen Verletzungen. Durch die Kombination von Alkohol und Medikamenten kommt es zu einer Potenzierung der Wirkung und zu einer hohen Suchtgefahr. Ich kenne Fälle von Patienten, die jeden Tag gleichzeitig 15 verschiedene Präparate einnehmen. Das ist nicht immer sachgerecht und kann dann auch schädlich sein.
Sind die Ärzte daran schuld?
Oftmals wissen sie leider nicht, was andere Kollegen noch verschrieben haben. Gerade bei älteren Menschen sollten sich die Mediziner aber einen genauen Überblick verschaffen. Auch die Angehörigen müssen kritisch nachfragen, wenn zum Beispiel Beruhigungsmittel über Wochen eingenommen werden.
Wie gehen Sie die Probleme an?
Nicht nur die Ärzte, sondern auch die Apotheker und das Pflegepersonal müssen ins Boot geholt werden. Deshalb gibt es derzeit Modellprojekte, bei denen Hausärzte mit Apothekern zusammen arbeiten. In der Regel gehen alte Leute zur selben Apotheke, wodurch der Apotheker hier einen guten Überblick über alle eingenommenen Medikamente bekommt. In anderen Projekten geht es um die Schulung von Pflegepersonal, das in der Regel noch zu wenig über Suchtprobleme im Alter weiß. Es zeigt sich, dass es sich lohnt, hier etwas zu tun. In einem Pflegeheim zum Beispiel, das ich kürzlich besucht habe, hatten sich die Mitarbeiter und die behandelnden Ärzte zum Ziel gesetzt, die Zahl der Medikamente auf das Nötigste zu reduzieren. Es wurde wieder lebhafter im Heim. Viele Bewohner, die vorher durch Medikamente ruhig gestellt waren, wurden wieder vitaler.
Nehmen ältere Menschen auch härtere Drogen wie Heroin?
Durch die Behandlung mit den Substitutionsmitteln Methadon und Diamorphin werden die Heroinabhängigen immer älter. Während sie früher schon in jungen Jahren starben, gibt es heute viele Drogenabhängige über 40. Körperlich sind sie aber häufig in der Verfassung wie ältere Menschen und brauchen Betreuung. Doch diese Menschen kann man nicht einfach in einem Altenwohnheim unterbringen. Es gibt dazu bereits Modellprojekte, beispielsweise zur Bildung von Wohngemeinschaften. Aber wir stehen hier noch am Anfang.
Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner macht sich für ein Verbot von Zigarettenwerbung auf Plakaten und im Kino stark. Unterstützen Sie das?
Insbesondere bei der Plakataußenwerbung ist ein Werbeverbot im Sinne des Kinder- und Jugendschutzes aus meiner Sicht wünschenswert. Wir befinden uns derzeit im internen Abstimmungsprozess zu dieser Frage.
Sollte es bei den Nichtraucherschutz-Gesetzen für die Gastronomie nicht endlich zu einer einheitlichen Lösung kommen?
Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind rechtlich nicht so groß. Wichtig ist, dass die gesetzlichen Vorgaben auch eingehalten werden. Hier haben wir Kontroll- und Vollzugsdefizite. In vielen Ländern werden die Regelungen kaum oder gar nicht kontrolliert und Verstöße nicht sanktioniert. Das muss sich ändern.
Das Gespräch führte Timot Szent-Ivanyi.
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