Herr Bolz, womit hat sich Obama den Nobelpreis verdient?
Er hat noch gar nichts getan. Das ist ja das Faszinierende. Sein Beitrag zum Weltfrieden ist gleich null. Das Einzige, was er bisher in diese Richtung getan hat, ist, Frieden in die Seelen seiner Fans zu bringen, deren Wunsch erfüllt wurde, dass er Präsident wird.
Norbert Bolz ist Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin. Er studierte Philosophie, Germanistik, Anglistik und Religionswissenschaften, promovierte über die Ästhetik Adornos und habilitierte über "Philosophischen Extremismus". Bolz ist Herausgeber zahlreicher Bücher, unter anderem über "Heilsversprechen".
Könnte es nicht sein, dass Obama als Friedensnobelpreisträger größere Hemmnisse hätte, den Iran zu bombardieren?
Das ist eine großartig böse Frage! Die Entscheidungen des Nobelpreiskomitees sind zwar immer politische Entscheidungen, aber hier geht es um etwas anderes: In Amerika hat Obamas Bild schon Risse bekommen. Das ist jetzt eine Art Solidaritätserklärung. Die Guten der ganzen Welt erklären sich mit ihm solidarisch gegen erste massive Zweifel an seiner messianischen Kraft.
Sie meinen, Obama wird als messianische Gestalt geehrt?
Ja, der Obama-Effekt ist ein rein religiöser. Daran kann es keinen Zweifel geben. Die Weltöffentlichkeit hat es geschafft, in George W. Bush den uralten Anti-Amerikanismus in einer Person zu konzentrieren - der Böse schlechthin. Die perfekte Verkörperung des Bösen überhaupt. Das hat dann die Komplementärfigur beschworen: Obama, der Retter, der Kämpfer gegen das Böse. Diese Figuren sind dann auch noch direkt gegeneinander angetreten. Das sind Ideal-Konstruktionen, wie man sie sonst nur in Filmen sieht.
Hat der Retter auch besondere eigene Fähigkeiten?
Obama bringt tatsächlich etwas mit, was sehr selten ist, nämlich Charisma. Dem kann sich niemand entziehen. Die Zeit hat sich selbst praktisch reif gemacht für einen Messias und dann gibt es plötzlich eine charismatische Figur, die viele uralte Wunschträume der Linken erfüllt hat: Ein Schwarzer, jemand der nicht aus den Clans der politischen Großfamilien Amerikas stammt, seinen Wahlkampf von unten finanziert. Er hat unglaublich viele Klischees erfüllt und konnte das nur, weil er ein charismatischer Typ ist. Aber er wirkt als charismatische Gestalt ohne Inhalt. Seine Wahlkampfformeln waren von einer verblüffenden Leere. Gerade deshalb haben sie gewirkt.
Wie funktioniert denn die Methode charismatischer Helden?
Der Begriff des Charisma kommtaus der Theologie. Charisma ist eine Gottesgabe, die übermenschliche Fähigkeiten verleiht. Das messianische Auftreten ermöglicht ein Plattschlagen der Verhältnisse: Alles wird plötzlich einfach und klar. Was bisher war, war der Irrtum und das Böse. Jetzt kommt eine Gestalt, die gegen die bisherige Ordnung neue Regeln aufstellt. So wie Jesus sagte: "Es steht geschrieben ... ich aber sage Euch." Das ist die messianische Haltung. Ich komme mit neuen Gesetzen und mache alles gut.
Wenn der Held solche Kraft hat, warum will Obama dann die Gemeinschaft stärker in die Verantwortung nehmen?
Der charismatische Held ist ja im Grunde nur auf seine Anhänger gestützt. Er lebt von der Akklamation. Deshalb ist seine Zukunft immer ungewiss. Er kann von einem zum anderen Augenblick stürzen, weil er sich nicht primär institutionell absichert in seiner Macht. Das ist das labilste Konstrukt, was es gibt. Der Charismatiker kann sich nur durch permanente Siegeszüge stabilisieren.
Sagen Sie doch auch mal etwas Positives über charismatische Politiker.
Ganz zweifellos hatte Willy Brandt auch Charisma und seine Verdienste in der Ostpolitik sind unbestritten. Aber die großen Charismatiker waren meistens die großen Zerstörer ihrer Länder, wie zum Beispiel Mao und Pol Pot.
Offenbar sehnen sich aber viele nach charismatischen Figuren.
So ist es. Wir leben in einer Zeit, die Helden eigentlich nicht akzeptiert, höchstens Helden des Alltags. Helden dürfen nicht sein, weil sie ja besser, wichtiger, bedeutsamer, lebendiger wären als wir. Das können wir nicht akzeptieren. Aber gleichzeitig ist der Bedarf nach Heldenverehrung ungebrochen. Da ist man sehr dankbar, wenn man wieder jemanden anbeten kann. Die Teenager machen das naiv mit ihren Popstars. Obama ist ein Popstar für Erwachsene. Er ist ein Held für die Linken, obwohl gerade die Linken eigentlich keine Helden mehr haben wollen.
Wie lange kann der Erfolg anhalten, wenn ein Held sich im Tagesgeschäft beweisen muss?
In modernen Gesellschaften mit ihren systemischen Zwängen lassen sich messianische Heilsversprechen nicht auf Dauer aufrechterhalten. Wir Zuschauer können die konkreten politischen Probleme in Amerika ignorieren und können uns nach wie vor an der Figur, seinem strahlenden Auftreten orientieren. Die Amerikaner können das aber nicht. Dort geht es auch unter Obama mit Streit ums Gesundheitssystem weiter, mit sozialer Ungleichheit, Intrigen und Kriegen.
Interview: Matthias Thieme
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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