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Interview mit Meinungsforscher Sridhar: "Ukraine - ein politisches Minenfeld"

Der Meinungsforscher Kishor Sridhar spricht im FR-Interview über die Wahl in der Ukraine, das Verhältnis zur Europäischen Union und die strategische Bedeutung des Landes.

Kishor Sridhar
Kishor Sridhar
Foto: ifak

Herr Sridhar, nach der Orangen Revolution 2004 scheint sich die Ukraine gar nicht weiterzuentwickeln. Die Regierung zerfiel, kam wieder zusammen und ist wieder zerstritten. Kann die EU etwas tun, wenn das Nachbarland so unregierbar ist?

Brüssel kann indirekt helfen. Anfang Dezember steht der EU-Ukraine-Gipfel an, da geht es um die Perspektiven einer engeren Beziehung. Und wir wissen aus Erfahrung, dass eine Perspektive auf bessere Beziehungen immer die gewünschten Reformen in den Ländern zur Folge hatte.

Zur Person
Schweinegrippe-Spezial

Kishor Sridhar ist Leiter für internationale Forschung am Meinungsforschungsinstitut IFAK mit Sitz in Taunusstein. Der 37-Jährige ist verantwortlich für das Kiewer Büro des Instituts. Seit acht Jahren widmet er sich intensiv der politischen Beobachtung in der Ukraine.

Die EU müsse schon aus eigenem Interesse dem Nachbarn helfen, sagt der Experte. Egal, wer der nächste Präsident in der Ukraine sein werde, Brüssel sollte ihm einen Weg in Richtung Westen schmackhaft machen. (vf)

Die Schweinegrippe grassiert auf der ganzen Welt. Was tun? Die FR gibt die Antworten auf die wichtigsten Fragen und berichtet über die aktuelle Lagemehr.

Das setzt im Falle der Ukraine voraus, dass sie sich tatsächlich zum Westen bewegen will

Für einige Regionen, besonders im Osten und auf der Krim, ist das keine Wunschvorstellung. Die Menschen dort sehen sich viel mehr als Russen. Deswegen muss die EU einen Weg der Annäherung aufzeigen, der jeden neuen Präsidenten nach der Wahl überzeugt.

Es gibt 16 Kandidaten. Die besten Umfrageergebnisse erhält bisher der russlandnahe Wiktor Janukowitsch. Ihn wird Brüssel wohl kaum locken können

Das ist richtig. Nur kann man sicher davon ausgehen, dass es zu einer Stichwahl kommen wird, an der die westlich orientierte Julia Timoschenko sehr wahrscheinlich teilnimmt. Sie ist die bessere Kandidatin für die EU und sie versucht zugleich eine gute Beziehung zu Russland aufzubauen.

In vergangenen Tagen kamen von der ukrainischen Regierung unterschiedliche, teils absurd hohe Zahlen zu Infizierten mit der Schweinegrippe. Wem nützt diese Zahlenspielerei?

Die Aufregung nutzt ganz klar dem derzeitigen Präsidenten Wiktor Juschtschenko. Er tritt bei den Präsidentschaftswahlen Mitte Januar an, erhält bislang in Umfragen aber nur sechs Prozent der Stimmen. Er hat keine politischen Themen, für die er steht. Im Zusammenhang mit der Schweinegrippe versucht er nun, sich dem Volk als Retter zu verkaufen.

Seine Konkurrentin Timoschenko hat sich bei der politischen Ausbeutung der Grippe erst zurückgehalten, jetzt spielt sie auch mit. Vertrauen die Ukrainer noch einem Politiker?

Eigentlich hat die ukrainische Bevölkerung kaum noch Vertrauen in die Regierung. Aber bei diesem Thema überwiegt doch die persönliche Angst. Die Menschen glauben der Propaganda. Gerade vor wenigen Tagen berichtete mir ein Unternehmer, dass er seinen Beschäftigten zusagen musste, Atemschutzmasken auszugeben, damit sie zur Arbeit erscheinen.

Warum muss sich die EU überhaupt um die Ukraine sorgen? Das Land steckt in einer Dauerkrise, die aber zugleich eine gewisse Stabilität garantiert. Und wirtschaftlich ist es sehr arm und erscheint damit uninteressant.

Kurzfristig sieht es so aus, ja. Die Ukraine gleicht einem politischen Minenfeld. Aber langfristig darf man nicht vergessen, dass sie ein Markt mit 46 Millionen Bürgern ist. Und politisch ist das Land strategisch sehr wichtig. Die Ukraine ist eine ideale Brücke zu Russland. Wenn man Kiew eine Annäherung an die EU versagt, treibt es das Land eher zu Russland. Es wirkt ja jetzt schon wie ein weniger autoritärer Bruder Russlands. Will Brüssel das?

Interview: Viktor Funk

Datum:  18 | 11 | 2009
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