Herr Klare, seit voriger Woche informiert der US-Geheimdienst Präsident Barack Obama im täglichen Lagebericht über politische Folgebeben der weltweiten Wirtschaftskrise. Wächst die sich jetzt auch zu einer globalen Sicherheitsbedrohung aus?
Obamas nationaler Geheimdienstdirektor Dennis Blair hat im Zusammenhang mit der aktuellen Krise auf die 1930er Jahre verwiesen. Damals hat die Weltwirtschaftskrise unter anderem zum Aufstieg des deutschen Nationalsozialismus beigetragen. Das zeigt, in welche Richtung man denkt. Die Obama-Regierung sagt jetzt: Nicht mehr Terrorismus, sondern die Folgen der Wirtschaftskrise sind heute die größte Gefahr für die globale Sicherheit.
Blair hat vor dem Sturz europäischer Regierungen gewarnt und einen Krisenbogen von Afrika bis Lateinamerika geschlagen. Das sind düstere Szenarien. Glaubt die Obama-Regierung nicht mehr an ein schnelles Ende der Krise?
Wir erleben tatsächlich die größte Wirtschaftskrise, die die Welt seit Generationen gesehen hat. Und es gibt keine Anzeichen für ein rasches Ende. Je länger die Krise dauert, desto größer wird das Risiko politischer Instabilität. Die sozialen und politischen Folgen werden von vielen noch unterschätzt.
Welche Staaten sind besonders gefährdet?
Es ist ein weltweites Problem. In einigen westlichen Staaten ist es schon zu Massenprotesten gekommen. Ich sehe heute in Europa zwar keine einflussreichen ideologischen Bewegungen wie in den 1930er Jahren, antidemokratische Bewegungen, die im Volk breite Unterstützung finden. Die Menschen könnten ihren Frust aber gegen Minderheiten und Fremde richten. Nationalistische Parteien könnten erstarken. Oder nehmen Sie China: Dort sind 20 Millionen Jobs verloren gegangen. Betroffen sind vor allem Migrationsarbeiter aus ländlichen Gebieten - eine Quelle für Unruhen. Zündstoff gibt es auch in den Petrostaaten, die lange vom hohen Ölpreis profitiert haben: Nigeria könnte auseinanderbrechen, in Mexiko nimmt die Gewalt der Drogenkartelle zu, Saudi-Arabien könnte sich radikalisieren. Das Königreich verfügt zwar über große Reserven, kann aber beim derzeitigen Ölpreis die Sozialleistungen für eine junge, fast völlig von staatlichen Zuwendungen abhängige Bevölkerung nicht ewig aufrechterhalten. Überall dort, wo Menschen keine Arbeit und Perspektive mehr haben, wächst die Gefahr politischer Instabilität.
Könnte die Krise in Ländern wie dem Iran auch positive politische Veränderungen auslösen?
Im Iran könnten die Reformer tatsächlich eine Chance haben. Dort haben die sinkenden Ölpreise Präsident Mahmud Ahmadinedschad geschwächt. Er wurde gewählt, um die wirtschaftliche Lage der Massen zu verbessern. Er hat das nicht getan. Aber wenn es im Iran zu einem positiven Effekt kommt, wäre das die Ausnahme. Selbst in China wird die Krise kaum zu einer Demokratisierung führen.
Trifft es wieder die Schwächsten?
Vielen Entwicklungsländern ging es schon vor der Krise schlecht. Jetzt müssen wir damit rechnen, dass die Lage noch schlimmer wird. Konflikte um knappe Ressourcen, etwa Wasser- und Landrechte, werden sich verschärfen. Wir können Migrationsbewegungen und Tragödien wie im Darfur sehen: Auseinandersetzungen, die als ethnisch und religiös beschrieben werden, aber eigentlich ökonomische Ursachen haben. Ich fürchte, dieses Muster wird durch den Einfluss des Klimawandels noch verschärft. Es ist eine Zusammenballung ökonomischer und ökologischer Faktoren, die wir so noch nie hatten.
Was kann getan werden, um das Schlimmste zu verhindern?
Entscheidend wird sein, einen Zusammenbruch staatlicher Institutionen zu verhindern. Pakistan steht offenbar ganz oben auf der Liste unserer Regierung. Die ökonomische Dimension ist auch in Pakistan ein wichtiger Faktor der Instabilität. Die USA könnten hier ihr Ansehen verbessern und Antiamerikanismus abbauen, wenn sie das Land spürbar unterstützen. Für mich persönlich hätte der Kampf gegen die drohende Lebensmittelknappheit in der Welt Priorität. Hier könnte schon eine geringe Ausweitung der Hilfen den Unterschied machen, ob Menschen in ihren angestammten Gebieten überleben können oder ob sie ihre Heimat verlassen müssen.
Ausgerechnet die USA, wo die Krise ihren Anfang genommen hat, sind von Massenprotesten verschont geblieben. Warum?
Ich bin sehr beeindruckt von dem, was die Obama-Regierung tut. Sie propagiert den Kampf gegen die Wirtschaftskrise als Chance zur Erneuerung: im Bildungswesen, im Gesundheitswesen, ökologisch. Ich sehe das nicht von der europäischen Führung. Ich sehe es in China: Auch Peking versucht mit seinem Konjunkturprogramm, das Land voranzubringen. Ich weiß nicht, ob das funktioniert. Aber man muss etwas tun, dass die Fantasie der Menschen ergreift und den Leuten Hoffnung gibt.
Interview: Dietmar Ostermann
Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?
US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund
Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner
Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf
Weblog der USA-Experten unserer Redaktion
Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.
Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.