Mit dem Ultimate Fight betritt ein martialische Kampfsportart die deutsche Bühne? Handelt es sich dabei überhaupt um Sport?
Ich glaube, dass die Grenze, die Sport von nackter Gewalt trennt, hier deutlich überschritten wird.
Gunter Gebauer ist Professor am Institut für Philosophie an der Freien Universität (FU) Berlin. Der ehemalige Leistungssportler hat sich in zahlreichen Veröffentlichungen mit den Phänomenen von Sport und Gewalt beschäftigt.
Zuletzt erschien von ihm ein Buch über die Poetik des Fußballs (Campus) sowie eine Studie über Wittgensteins anthroplogisches Denken (Becksche Reihe).
Was unterscheidet es denn vom Catchen oder vom Wrestling?
Wrestling und Catchen stehen bereits mit einem Bein außerhalb des Sports, weil sie durch sehr großen Showanteile strukturiert werden. Dabei geht es nicht um die Ermittlung des Besten, sondern um die bloße Ergötzung des Publikums. Das Ideal der Ermittlung des besten Kämpfers ist in diesen Praktiken nahezu abgeschafft. Ein sportlicher Wettkampf zeichnet sich aber dadurch aus, dass er dieses Ideal verfolgt.
Warum sind junge Leute so fasziniert von brutalstmöglicher körperlicher Auseinandersetzung?
Ich vermute, dass es gerade um die Überschreitung von Grenzen geht. Hier werden Möglichkeiten ausgetestet, die wir normalerweise aus unserem Leben verbannen.
Der französische Philosoph Roland Barthes hat das Catchen einmal als exzessives Schauspiel beschrieben. Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn diese ihre Spiele derart brutalisiert?
Schauen Sie sich den Käfig an. Die Kämpfer kommen in eine Zone komprimierter Gewalt. Ähnlich wie Gladiatoren im Zirkus geben sie beim Betreten des Käfigs bestimmte Rechte ab; zum Beispiel das Recht auf den Schutz ihrer physischen und moralischen Integrität. Selbst beim Boxen wird garantiert, dass die Wehrlosigkeit eines Akteurs nicht bis zum Letzten ausgenutzt wird. Diese Rechte werden beim Ultimate Fighting im buchstäblichen Sinn mit Füßen getreten.
Aber die Kämpfer treten doch freiwillig an.
Es findet eine Art freiwillige Selbstauslieferung statt, die man mit der Situation auf dem Arbeitsmarkt im Frühkapitalismus vergleichen kann. Es geht um das Verkaufen und die Entäußerung seiner Rechte, um unter entwürdigenden Bedingungen eine Arbeit um jeden Preis anzunehmen. Wir haben hier eine Situation, in der spielerisch, aber mit letztem Ernst, die Veräußerung von Rechten vorgeführt wird.
Die Veranstaltung in Köln wird von einer massiven Verbotsdiskussion begleitet. Soll man verbieten? Oder besser gefragt: Wer muss vor was geschützt werden?
Die Kämpfer müssen vor der Preisgabe ihre Würde, aber auch ihrer Gesundheit geschützt werden. Es geht aber auch um das Persönlichkeitsbild unserer Gesellschaft. Wollen wir es zulassen, dass Menschen in der Öffentlichkeit ihre Rechte zur Disposition stellen?
Brutalisierungstendenzen sind auch in anderen Sportarten zu beobachten. Welche Alternativen hat eine Gesellschaft über das Verbot hinaus?
Auf jeden Fall sollte über eine öffentliche Diskussion festgestellt werden, welche soziale Errungenschaft der Sport ist. Der Sport stellt immer ein Wandeln auf sehr schmalem Grad dar. Fußball oder Boxen ist stets in der Gefahr, abzugleiten. Was uns daran fasziniert, ist das Aushandeln von Grenzen. Das ist die große zivilisatorische Leistung des Sports.
I Große Anziehungskraft scheint vom Fernsehformat des UFC auszugehen. Macht es da Sinn, ein Live-Event zu verbieten?
Über die Medien und das Internet ist inzwischen beinahe jede entwürdigende Gemeinheit zu bekommen. Das ist aber kein Grund, eine solche kollektive Entwürdigung auszutragen. Köln steht in der Pflicht zu zeigen, dass die Stadt mit unserem kulturellen Erbe sorgfältiger umzugehen weiß als mit dem Stadtarchiv.
Interview: Harry Nutt
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