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05. Dezember 2012

Interview mit Sari Nusseibeh: „Unsere Vision wurde verbaut“

Sari Nusseibeh verlässt 2004 das Atarot Gefangenenlager in Jerusalem.  Foto: AFP

Sari Nusseibeh, palästinensischer Präsident der Al-Kuds-Universität in Ost-Jerusalem, gehört zu den Vordenkern einer Friedenslösung mit den Israelis. Er glaubt noch immer daran, dass eine Koexistenz möglich ist. Eine gerechte Zwei-Staaten-Lösung hält er allerdings nicht mehr für realisierbar.

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Sari Nusseibeh, palästinensischer Präsident der Al-Kuds-Universität in Ost-Jerusalem, gehört zu den Vordenkern einer Friedenslösung mit den Israelis. Er glaubt noch immer daran, dass eine Koexistenz möglich ist. Eine gerechte Zwei-Staaten-Lösung hält er allerdings nicht mehr für realisierbar.

Herr Nusseibeh, die Freude ihrer Landsleute über die diplomatische Aufwertung Palästinas durch die UN währte nur kurz. Am nächsten Tag hat Israel hochproblematische Siedlungspläne bekanntgegeben. Glauben Sie, dass das UN-Votum Bewegung in den Friedensprozess bringt?

Das kann noch keiner sagen. Ich vermute, dass Verhandlungen wieder aufgenommen werden, dass sich alles sehr langsam bewegen wird und wahrscheinlich nicht zum Abschluss kommt. Dass man sagen wird, weitere politische Änderungen seien nötig. Dann wird es wahrscheinlich Neuwahlen in Israel geben. Sollten sie tatsächlich eine Führung hervorbringen, die interessiert ist, das Ausgehandelte zu vervollständigen, wird es ein Abkommen geben. Aber es wird eines sein, in dem die Palästinenser weit weniger erhalten, als was sie von einer Zwei-Staaten-Lösung erwarten.

Sari Nusseibeh

Sari Nusseibeh wurde 1949 als Sohn einer wohlhabenden palästinensischen Familie in Damaskus geboren. Er wuchs in Ostjerusalem auf. Von dort ging er zum Studium der islamischen Philosophie nach Oxford und Harvard. 1978 kehrte er nach Jerusalem zurück.

Er war ein führender Vertreter des gewaltfreien Widerstandes gegen die israelische Besatzung.

2002 ernannte ihn Jassir Arafat zum Repräsentanten der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO).

Seit 1995 ist Nusseibeh Präsident der Al-Kuds-Universität in Jerusalem.

Sie meinen in territorialer Hinsicht?

In jeder Hinsicht: Gebiete, Jerusalem, Flüchtlinge.

Also glauben Sie doch, dass es am Ende zwei Staaten gibt?

Ich halte es für möglich. Aber es wird nicht die Zwei-Staaten-Lösung sein, die wir im Sinn hatten.

Weil die Palästinenser zu schwach sind, ihre Vision eines eigenen Staats in den Grenzen von 1967 durchzusetzen?

Diese Vision haben die Siedlungen bereits verbaut.

Was erwarten Sie denn, was Israel unter Premier Benjamin Netanjahu zu geben bereit wäre?

Netanjahu schwebt ein Archipel von Regionen vor, die palästinensisch autonom verwaltet werden, aber einer israelischen Agenda unterstehen. Israel wird dieses Archipel als Exportmarkt nutzen und aus Sicherheitsgründen die Kontrolle bis in die letzte freie Ecke im Westjordanland und natürlich in Ost-Jerusalem behalten. Dieses Archipel dürfen wir dann unseren Staat nennen. Das ist Netanjahus Plan.

Das heißt, der Konflikt geht weiter?

Besagtes Abkommen könnte zehn, vielleicht gar zwanzig Jahre halten, aber nicht auf Dauer. Weil es eine unnatürliche Situation kreiert, einen Mischmasch. Israelische Siedler werden auf dem Weg zu ihren Jobs palästinensisches Staatsgebiet kreuzen. Palästinenser werden da keine unabhängige Infrastruktur schaffen können. Bleibt die Option, uns wieder in den israelischen Arbeitsmarkt zu integrieren.

Sie sprechen jetzt nur über die wirtschaftliche Dimension. Wie sehen Sie als Philosophieprofessor die anderen Bedürfnisse nach nationaler Identität, nach Freiheitsrechten?

Ich sage das als Philosoph: Was im Leben zählt, ist die Ökonomie. Die Leute wollen ein ordentliches Auskommen, Bildung für die Kinder, Gesundheitsversorgung. Deshalb werden die Palästinenser merken, dass ein Israel, das ihnen offensteht, für sie besser ist. So war es ja auch während der israelischen Besatzung von 1967 bis zur ersten Intifada. Ein Palästinenser aus Gaza konnte in Jerusalem ein Krankenhaus besuchen. Der gleiche Mann kann heute in Israel sein womöglich krebskrankes Kind nur mit Sondergenehmigung behandeln lassen und nur unter Auflagen, dass die Begleitperson keinen Schritt aus dem Krankenhaus tun darf. Auch im Westjordanland gibt es heute viel mehr Reisebeschränkungen als vor dem Osloer Abkommen.

Das klingt nostalgisch, als ob zur Besatzungszeit alles besser gewesen sei.

Ich bin nicht gegen den Friedensprozess. Ich war immer dafür. Aber deshalb bin ich doch nicht blind für die negativen Ergebnisse, die er hervorgebracht hat. Hätten wir einen eigenen Staat in den frühen 80er- Jahren realisiert, sähe das anders aus. Aber das haben wir nicht geschafft. Mit dem Osloer Abkommen sind wir in ein halbwertiges Haus gezogen, das weder richtig frei noch ganz besetzt ist.

Zur Realität gehört, dass die meisten Israelis von den Palästinensern nichts mehr wissen wollen. Sie sind für eine Trennung, ohne das ganze Westjordanland dafür herzugeben.

Genau, deshalb stecken wir fest. Ich bin dennoch überzeugt, dass eine Lösung am Ende nicht auf zwei Staaten, sondern auf einem Staat mit gleichen Rechten für beide Völker fußen wird. Alles andere liefe auf einen Apartheidstaat hinaus.

Das Gespräch führte Inge Günther.

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