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Interview mit Soziologe Kistler: "Arme Babyboomer"

Professor Ernst Kistler warnt vor einer menschlichen Bugwelle: Wenn die geburtstarken Jahrgänge sich dem Rentenalter nähern und sich nichts ändert, drohen den Älteren Arbeitslosigkeit und Armut.

Professor Ernst Kistler ist  Direktor am  Institut für  Empirische  Sozialökonomie INIFES.
Professor Ernst Kistler ist Direktor am Institut für Empirische Sozialökonomie INIFES.
Foto: privat

Die Deutschen werden älter und älter. Wird die Demografie zur großen Last der Zukunft?

Das hängt von der Verteilung der Einkommen ab. Wenn sich die Einkommen in Deutschland weiter so schief entwickeln, fehlen die Mittel für die Renten. Denn die Renten hängen am Arbeitseinkommen. Insofern ist nicht die Demografie die entscheidende Frage, sondern die Verteilung.

Zur Person

Professor Ernst Kistler ist Direktor am Institut für Empirische Sozialökonomie INIFES.

Aber wenn weniger Menschen arbeiten können, drückt dies doch zwangsläufig den Wohlstand.

Dies kommt darauf an, wie sich die Produktivität entwickelt. Das Arbeitsvolumen sinkt seit langer Zeit, ganz unabhängig von der Demografie. Die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter ist ja bislang sogar gestiegen. Deswegen ist nicht ausgemacht, dass uns in Zukunft Arbeitskräfte fehlen werden.

Was muss sich an der Verteilung ändern, damit die Demografie an Schrecken verliert?

Wir brauchen höhere Zuwächse bei den Lohneinkommen und geringere Zuwächse bei den Vermögenseinkommen. Denn an den Lohneinkommen hängt der Sozialstaat. Dann verlöre die sogenannte Demografiefalle erheblich an Schrecken. Unter dieser Bedingung sind die zusätzlichen Alten finanzierbar mit Renten wie heute und ohne höhere Lasten für die Arbeitnehmer.

Hilft die Rente mit 67 ?

Ziel sollte sein, mehr Menschen näher an die 65 im Berufsleben zu führen. Dann brauchen wir die Rente mit 67 nicht, weil wir schon heute viel zu viele haben, die im Job die 65 bei weitem nicht erreichen. Dafür müssen wir die Arbeitsbedingungen verbessern.

Im Moment hilft die Demografie ja sogar, weil die geburtenstarken Jahrgänge im Berufsleben sind. Wann wird es ernst?

Dies ist das eigentliche demografische Problem: Wir haben eine Bugwelle der Babyboomer, die allmählich ins höhere Erwerbsalter kommen. Gegenüber 2005 wird 2025 der Anteil der 55- bis 64-Jährigen an allen Berufstätigen um rund 40 Prozent, in manchen Regionen um 70 Prozent zunehmen. Und da wird es schwierig. Wenn sich nichts ändert an den Arbeitsbedingungen und der Altersdiskriminierung der Arbeitgeber, haben diese Menschen wenig Chancen. Da drohen Altersarbeitslosigkeit und Altersarmut.

Interview: Markus Sievers

Datum:  18 | 11 | 2009
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