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04. November 2009

Interview mit Theologe Kummer: "Die Evolution ist ein Segen"

Eine Frau steht im Naturkundemuseum im Schloss Rosenstein in Stuttgart vor einer Bildtafel mit Hologrammen, die verschiedene Stufen in der Evolution des Menschen zeigen  Foto: dpa

Der Biologe und Theologe Christian Kummer spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über Kardinal Meisners Fehldeutung von Richard Dawkins. "Dass der Naturwissenschaftler Gott methodisch nicht "braucht", ist völlig legitim."

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Zur Person

Christian Kummer ist Biologe, Philosoph und Theologe. Der Jesuitenpater, der in München das Institut für naturwissenschaftliche Grenzfragen leitet, hält Evolutionstheorie und Gottesglaube für vereinbar.

Große ethische Fragen, zum Beispiel Lebensschutz oder Stammzellforschung, können laut Kummer nicht ohne biologisches Wissen beantwortet werden.

Professor Kummer, Kölns Kardinal Joachim Meisner belegt den Evolutionsbiologen Richard Dawkins mit dem Nazi-Fluch. Sie bezeichnen die Evolutionstheorie als Segen. Wer soll das verstehen?

Meisner mag mit Dawkins’ kämpferischem Atheismus hadern. Aber die Evolution ist doch kein Punkt, an der sich gläubige Menschen mit Dawkins anlegen müssten, im Gegenteil: Sein wunderschönes Buch "Gipfel des Unwahrscheinlichen" ist für mich eine der lesenswertesten und illustrativsten Erklärungen von Charles Darwins Theorie.

Christian Kummer ist Biologe, Philosoph und Theologe.
Christian Kummer ist Biologe, Philosoph und Theologe.
 Foto: Privat

Die Gipfel-Metapher soll besagen: Während der Glaube das Wunder des Lebens bestaunt wie einen unbezwingbaren Berg, besteigt ihn die Evolutionstheorie von der anderen Seite...

… in einer zwar langen, aber angenehmen Steigung. Genau. Kann sein, dass Dawkins die Mühen hier zu sehr herunterspielt, aber in der Sache hat er recht: Die Evolutionstheorie ist ein zentraler und grundsolider Beitrag, die Entwicklung des Lebens zu verstehen.

Der das Staunen aufhebt, den Urimpuls aller Philosophie?

Da muss ich immer lachen. Jeder Biologe - ob er glaubt oder nicht - ist doch hingerissen vom Gegenstand seiner Forschung. Was immer wir Neues über das Leben lernen, es macht die Dinge staunenswerter, als sie vorher waren. "Kein Wunder, bei dem Chef", mag sich der gläubige Biologe da im Stillen denken.

Der zentrale Einwand gegen die Evolutionstheorie lautet: Die Bergbesteigung von hinten führt eben nicht zum Gipfel. Es sei unvorstellbar, dass komplexe Lebensformen nur durch Mutation und Selektion entstanden sind.

Die Frage der Vorstellungskraft ist aber kein Argument. Innerbiologisch wird man darüber diskutieren müssen, ob Darwins Theorie kontinuierlicher Veränderungen hinreicht, um alle Phänomene des Komplexerwerdens zu erklären. Aber es wäre ein Taschenspielertrick, an dieser Stelle Gott als "Faktor X" für das Unverstandene einzuführen.

Wo führen Sie als Philosoph, Biologe und Theologe ihn denn ein?

Als Grund aller Wirklichkeit, der verstandenen wie der unverstandenen.

Meisners Aggressivität scheint darauf zu zielen, dass manche Naturwissenschaftler den Glauben für überflüssig erklären.

Aber selbst da wünsche ich mehr eine differenziertere Argumentation. Dass der Naturwissenschaftler Gott methodisch nicht "braucht", ist völlig legitim. Per Definition hat Gott im naturwissenschaftlichen Kontext nichts verloren. Ob der Mensch Gott darüber hinaus "braucht", muss jeder mit sich ausmachen. In mein persönliches Weltbild ist der Schöpfungsglaube integriert, und mein Schöpfungsglaube ist naturwissenschaftlich-evolutiv geprägt. Insofern sage ich tatsächlich: Die Evolution ist ein Segen für die Theologie, weil sie hilft, sich Gott nicht als einen Handwerker vorzustellen, sondern als einen, der seinen Geschöpfen Kreativität verleiht.

Dawkins hält den Gottesglauben obendrein für gefährlich.

Das hängt mit seinem Gottesbegriff zusammen. Für Dawkins gibt es nichts Immaterielles. Nun sagt er: Die Evolution ist eine komplexe Angelegenheit, also muss ihre Ursache komplex sein. Wenn die Theologen dagegen halten, Gott sei aber keine "komplexe" und damit auch keine materielle Größe, glaubt Dawkins sie in der Falle zu haben: Entweder Gott ist nicht komplex, dann erklärt er die Evolution nicht. Oder er ist komplex, dann ist er selber materiell und damit kein Gott. Hätte Kardinal Meisner diese krude, obskure Sicht angegriffen, wäre er wenigstens in seinem Metier gewesen. Ihn aber ausgerechnet als Biologen anzugreifen, zeigt, dass Meisner den Clou bei Dawkins schlicht nicht verstanden hat.

Nämlich?

Dawkins hat eine Erklärung dafür gesucht, was sich in der Evolution als das "Fitteste" durchsetzt. Ist es das Individuum? Ist es die Art? Dawkins sagt: Nein, es sind die Gene. Wir zählen einfach ab, welche Gen-Varianten sich am häufigsten verbreitet haben. So gesehen, aber auch nur so, wird der Organismus zum Vehikel für die Verbreitung von Gen-Kombinationen. Meisner macht den Fehler, von einem biologischen Modell - dem "egoistischen Gen" - auf eine anthropologische Deutung des Menschseins zu schließen, so als ob der Mensch letztinstanzlich durch seine Gene "erklärt" würde, Egoismus die tiefste Triebkraft des Menschen sei und es deshalb eine Nähe zum Rassenwahn der Nazis gebe - das ist Unsinn. Kardinal Meisner sollte endlich lernen, dass die Nazi-Parallelen immer daneben sind. In diesem Fall ist sie besonders hanebüchen.

Mit dem "Wahn"-Vorwurf arbeiten beide Seiten. "Gotteswahn", sagt Dawkins, Genetik-Wahn, hält Meisner dagegen.

Das ist immer der letzte Ausweg zwischen Theologen und Atheisten, den jeweils anderen niederzumachen. Ich finde das albern. Empirisch gesehen, stehen gläubige und ungläubige Menschen mit Blick auf die Frage nach der Existenz Gottes doch vor derselben Mauer der Unerkennbarkeit Gottes. Der Gläubige optiert, dass hinter der Mauer eine transzendente Wirklichkeit sein möge, und interpretiert von dieser Option aus die Wirklichkeit vor der Mauer. Der Ungläubige sagt, er komme ohne diese Deutung aus. Aber das ist dann seine Option. Wenn beide einsehen, dass sie keinen archimedischen Punkt "außerhalb" haben, von dem aus sie sagen könnten, wie es hinter der Mauer aussieht, dann können sie ihre Ansichten getrost bei einem Bier diskutieren.

Interview: Joachim Frank

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