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Politik
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16. März 2009

Interview mit Ursula Enders: "Opfern wird eher geglaubt, aber nicht schnell genug geholfen"

Ursula Enders leitet die Beratungsstelle Zartbitter in Köln, eine der ältesten deutschen Hilfseinrichtungen gegen sexuellen Missbrauch von Mädchen und Jungen. Foto: Privat

Zartbitter-Beraterin Ursula Enders über den Fritzl-Prozess und die Wirklichkeit sexueller Gewalt in Deutschland.

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Frau Enders, durch den Fritzl-Prozess bekommt das Thema sexueller Missbrauch jetzt wieder massive öffentliche Aufmerksamkeit. Hilft das Ihnen bei Ihrer Arbeit?

Nein, es ist eher kontraproduktiv. Was in Amstetten passiert ist, ist dermaßen monströs, dass es an vielen wie ein Horrorfilm vorbeiläuft. Die vielen Fälle bei uns, die ja für die Betroffenen ebenfalls extrem verletzend sind, schrumpfen im Vergleich dazu zu Bagatellen. Oder man schiebt es auf die Österreicher, nach dem Motto, bei uns im aufgeklärten Deutschland passiert so etwas ja nicht...

...passiert es denn?

Wir kennen zum Glück keinen Fall dieses Ausmaßes, aber auch wir erleben in unserer Arbeit immer wieder Fälle sexueller Ausbeutung in der Familie, in denen Mädchen geschwängert werden und die Vaterschaft vertuscht wird. Wir begegnen häufig sehr sadistischen Formen sexueller und körperlicher Gewalt. Zum Beispiel hatten wir ein Mädchen hier, das wurde von seinen Eltern nicht nur missbraucht, sondern auch zwischen zwei Heizöltanks gekettet und ihm wurde gedroht, dass die Tanks explodieren.

Wie häufig ist in Deutschland sexueller Missbrauch in Familien?

Insgesamt geht man davon aus, dass jedes vierte Mädchen und jeder achte Junge bis zum 18. Lebensjahr mindestens einmal sexuelle Gewalt erlebt. Aber die meisten Fälle finden außerhalb der Familie statt. Bei Mädchen ist etwa ein Drittel der Delikte innerfamiliär, bei Jungs etwas mehr als zehn Prozent. Vor allem sexuelle Gewalt durch Jugendliche wird noch nicht genügend wahrgenommen.

Wie hoch ist denn die Dunkelziffer bei innerfamiliären sexuellen Übergriffen?

Weiter hoch. Allerdings hat sich die öffentliche Bewertung von Übergriffen verbessert: Es gibt zum Beispiel einen weitgehenden öffentlichen Konsens, dass Kinder nicht auf Kommando Küsschen geben müssen, dass sie "Nein" sagen dürfen. Auch wird Opfern heute eher geglaubt, so können sie sich leichter wehren. So hatten wir ein Mädchen, das hat sich irgendwann bei uns Plakate geholt und ihr Zimmer zu Hause damit tapeziert, ab da hatte sie Ruhe. Auch die Heilungschancen der Opfer haben sich verbessert: Kinder erfassen schneller als früher, dass das, was ihnen zugefügt wird, nicht okay ist und sie nicht schuld sind.

Klingt gut. Wo hapert es?

Für mich ist es nach 30 Jahren im Beruf das Belastendste, dass die Hilfesysteme weiterhin rückständig sind. Das Thema Missbrauch kommt in medizinischen, pädagogischen, therapeutischen und sozialarbeiterischen Ausbildungen bis heute so gut wie nicht vor. Im Arbeitsrecht klaffen Lücken. Wir fordern seit langem eine Ethikrichtlinie, die regelt, wann zum Beispiel Übergriffe von Lehrern arbeitsrechtliche Folgen haben. Bisher muss ein Lehrer verurteilt sein, damit er aus dem Schuldienst fliegt - er kann also jahrelang grapschen und wird höchstens versetzt.

Weitere Probleme?

Die Erstversorgung direkt nach Bekanntwerden eines Missbrauchs ist völlig unzureichend. Mir ist eine Mutter persönlich bekannt, deren dreijähriger Sohn ihr vor einem Jahr drastisch geschildert und sogar vorgespielt hat, dass er missbraucht wurde. Die Frau rief damals sofort beim zuständigen Jugendamt an - da hieß es, es habe gerade niemand Zeit, sie solle in vier Tagen nochmal anrufen. Das Geschwisterkind, das ja stark mitbetroffen ist, hat bis heute keine Hilfen bekommen. So was ist verheerend, denn mit guter Soforthilfe könnten bleibende Schäden verhindert werden.

Interview: Ursula Rüssmann

Die bundesweite Hotline N.I.N.A. gibt unter Tel. 01805/123465 Rat, wenn jemand Unterstützung braucht oder den Verdacht hat, dass ein Kind betroffen sein könnte. Die Experten beraten auch anonym.

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