Frau Professor Neumann, was halten Sie von Erdogans Forderung nach türkischen Gymnasien in Deutschland?
Es ist auf jeden Fall eine gelungene Provokation. Nicht erst seit Pisa ist klar, dass es in Deutschland keine Bildungsgerechtigkeit gibt. Da kann ich es verstehen, dass die Türkei sagt: Wenn Ihr es nicht schafft, unsere Kinder ordentlich zu bilden, dann machen wir es eben selbst.
Ist es auch aus pädagogischer Sicht eine gute Idee?
Seit Beginn der Gastarbeiterzeit gibt es griechische Gymnasien in Deutschland. Die haben durchaus zum guten Schulerfolg der griechischen Schüler beigetragen; eben weil zweisprachige Schulen auch die kognitiven Fähigkeiten fördern. Das haben wir auch in einer kleinen Studie in Hamburg festgestellt, die den Schulerfolg von bilingualen Grundschülern in sechs Schulen, zwei davon türkisch, beobachtet. Und siehe da: Die Deutschkenntnisse der Kinder sind unabhängig von der sozioökonomischen Situation der Eltern meist ebenso gut wie die der deutschen Kinder. Das gibt uns den Hinweis, dass zweisprachiger Unterricht den Kindern und ihren Bedürfnissen besser gerecht wird.
Also hatte Erdogan eine richtig gute Idee?
Wenn er türkische Gymnasien meint, die zweisprachig sind, und die auch deutsche Schüler besuchen, dann ist das sicher ein guter Ansatz - auch mit Blick auf die Integration. Das sieht man auch an der Aziz Nesin Schule in Berlin: Wenn die türkische Sprache als Ressource betrachtet wird, wirkt sich das positiv aus. Wahrscheinlich hat Herr Erdogan aber eher türkische Exklaven in Deutschland im Sinn; die lehne ich ab.
Und wozu Gymnasien? Brauchen wir nicht eher eine bessere Frühförderung?
Das Gymnasium ist ein wichtiges Symbol, das für Abitur und Schulerfolg steht. Natürlich brauchen wir auch gute Kindergärten, aber es ist richtig, das Ziel hoch zu definieren, um auch an der Basis etwas zu ändern. Die Tendenz, dass alles im Kindergarten gerichtet werden soll, halte ich ohnehin für falsch. Wir machen gute Erfahrungen mit unserem Studiengang Türkisch als Schulfach an der Uni Hamburg. Dadurch wird das gesamte Türkischangebot verbessert - mit Wirkungen bis in die Kindergärten. Fest steht, türkische Gymnasien würden das Ansehen der türkischen Sprache in Deutschland erhöhen.
Warum ist das auch für die Deutschen, nicht nur für die türkische Community wichtig?
Weil wir sonst wichtige Potenziale brach liegen lassen. Ein Beispiel ist die große Zahl gebildeter Afghanen. Die haben keine Möglichkeit, ihre Kinder in den Sprachen Dari, Farsi oder Paschtu zu schulen. Es ist ein immenser Verlust für das Land, wenn dieser Distinktionsvorteil nicht genutzt wird.
Vielen türkischstämmigen Deutschen missfällt die Vorstellung, dass der türkische Staat Lehrer entsenden könnte.
Das muss nicht unbedingt schlecht sein. Die Türkei hat schon immer Lehrer nach Deutschland entsandt, und wir machen an den bilingualen Grundschulen gute Erfahrungen mit ihnen. Aber: Deutschland muss in die Fortbildung dieser Lehrer investieren.
Haben Sie gar keine Bedenken, wenn sich der türkische Staat in die Bildung hier einmischt?
Letztlich ist es eine Frage der Schulaufsicht: Kann man sich auf ein Curriculum einigen? Sind die Lehrkräfte - türkische und deutsche - für zweisprachigen Unterricht qualifiziert? Natürlich muss klar sein, dass Deutschland die Verantwortung für die Bildung der Kinder hat. Es wäre nicht besonders integrationsfördernd, wenn die Lehrer eng an der politischen Leine der Türkei hingen. Alles hängt davon ab, wie das inhaltlich gestaltet ist. Aber: Besser als uns von außen Schulen reinsetzen zu lassen, wäre es, wenn das deutsche Schulsystem dafür sorgen würde, dass türkische Kinder bessere Schulerfolge hätten. Das ist unser Job.
Interview: Frauke Haß
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