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Interview mit Wolfgang Thierse: "Ja zu sich selbst sagen"

Respekt statt Dominanz: Der Bundestagsvizepräsident zum Minarettverbot, über diffuse Ängste vor allem da, wo wenige Muslime leben und die eigene Identität.

Wolfgang Thierse (SPD), ist Bundestagsvizepräsident. Er  gehört dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken an.
Wolfgang Thierse (SPD), ist Bundestagsvizepräsident. Er gehört dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken an.
Foto: ddp

Herr Thierse, das Schweizer Votum für ein Minarettverbot widersprach allen Umfragen. Wie erklären Sie sich die Diskrepanz zwischen der veröffentlichten Meinung und dem Kreuzchen hinter verschlossenen Türen?

Ich vermute, viele Menschen wissen, dass sie eine anrüchige Meinung haben und deshalb wollen sie sie nicht vorzeigen. Diese Beobachtung deutet doch auf etwas hin, was ziemlich verbreitet ist - eine diffuse Angst vor Bedrohung und die kann eben umschlagen zu einer Art bedrohlicher Angst, wie man in der Schweiz sieht.

Zur Person

Wolfgang Thierse (SPD) ist Bundestagsvizepräsident. Er gehört dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken an.

Das Referendum zeigt, dass die Ressentiments gegen Ausländer in der Bevölkerung größer sind als wir denken. Ist es nicht so, dass diese Ressentiments nicht thematisiert werden, eben weil sie politisch nicht korrekt sind?

Aber sie werden ja immer mal wieder thematisiert, egal ob in groben Worten oder behutsam. Das Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen und Herkunft ist eben eine herbe Anstrengung.

Alles ist gut?

Nein. Interessant ist doch, dass diejenigen das Volksbegehren abgelehnt haben, die in Städten und Regionen leben, wo besonders viele Muslime leben. Das zeigt: Wo Menschen eine Nahwahrnehmung von Nachbarn islamischen Glaubens haben, haben sie weniger Vorurteile und Abwehr. Wo besonders wenige Muslime leben, dominiert die Fernwahrnehmung des Islam, die immer ineinssetzt: Islam gleich Islamismus gleich Fundamentalismus gleich Begründung von Terrorismus.

Inwieweit berühren religiöse Symbole Urängste?

Menschen, die fremd sind, stellen immer eine Anfrage an die eigene Identität. Wenn die eigene Identität schwach und labil ist, wird sie umso aggressiver verteidigt. Selbstbewusste Christen haben sehr viel weniger Angst vor einer anderen Religion und Kultur, sondern sehen eher Verbindendes als Trennendes.

Aber wenn eine Gesellschaft sich sozusagen immer weiter "entchristianisiert", wie tolerant kann sie dann anderen gegenüber sein?

Man kann nur friedlich zusammenleben, wenn man die eigene Identität behauptet, aber die Dominanz über Andere nicht das Zentrum des Eigenen wird. Ja zu sich selbst zu sagen und zu verbinden mit dem Respekt vor dem Anderen: Das ist der eigentliche Inhalt des Grundrechts auf Religionsfreiheit. Meine Religionsfreiheit muss immer auch die Religionsfreiheit der Anderen sein.

Worin besteht die größte Gefahr in der jetzigen Debatte?

Darin, dass die Fernwahrnehmung des Islam überdeckt, was wir an positiver nachbarschaftlicher Erfahrung mit islamischen Bürgern haben. Die Angehörigen aller Religionen haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, ihre jeweilige Religion zu verteidigen gegenüber deren Missbrauch zur Rechtfertigung von Gewalt. Wie für das Bild des Christentums die Christen selbst ein gerüttelt Maß an Verantwortung tragen, so haben für das Bild des Islam in Deutschland, in der Schweiz, in Europa die islamischen Bürger ein gerüttelt Maß an Verantwortung.

Können Sie es nachvollziehen, wenn Muslime das Minarett-Verbot als Beleidigung empfinden?

Das kann ich verstehen, aber ich will gerne auch hören, dass Muslime ebenso heftig protestieren gegen den eklatanten Mangel an Religionsfreiheit in islamischen Ländern.

Interview: Silke Rummel

Datum:  30 | 11 | 2009
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