Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

03. September 2011

Interview Sahra Wagenknecht: Ich finde Kumpel-Politiker peinlich

Wortstark: Sahra Wagenknecht im Bundestag.  Foto: dapd

Die stellvertretende Vorsitzende der Linken über großzügige Millionäre, eine Kandidatur als Fraktionschefin und ihre ideale Zeitung.

Drucken per Mail

Frau Wagenknecht, was kommt auf Ihre Seite Eins?

Der Aufmacher aus dem Berliner Kurier über die sinkenden Renten – und der aus der FAZ über die Milliarden-Bürgschaften der Regierung für die Banken. Denn das ist ja keine Rettung des Euro, sondern wieder eine der Banken (klebt sie auf). Was für ein Kontrast: Für Renten fehlt das Geld, aber um Banken aus der Misere zu helfen, hat man Milliarden. Leider hat kaum eine Zeitung diesen Widerspruch angesprochen.

Welche Blätter lesen Sie denn?

Im Abo habe ich Financial Times Deutschland, Neues Deutschland und junge Welt.

Warum ein Wirtschaftsblatt?

Es liefert mir die Daten, mit denen ich operiere. Aus der heutigen FTD nehme ich diese Meldung: Der Internationale Währungsfonds kritisiert, dass die Banken zu wenig haftendes Kapital haben. Das ist ihnen zu teuer. Die Deutsche Bank hat hartes Eigenkapital von nur 30 Milliarden Euro bei einer Bilanz von fast 2 000 Milliarden. Eine Zeitbombe!

Was würden Sie tun?


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Endlich das Casino schließen, die Banken staatlich zwangskapitalisieren und das Geld dafür bei den Reichen holen. Wir sollten nicht immer nur über Schulden reden, sondern auch über die mit den Staatsschulden gewachsenen Vermögen, etwa durch Steuerdumping. Die oberen Zehntausend hocken auf Ihrem Geld – wie der hier (schneidet ein Bild von Onkel Dagobert aus der „Zeit“ aus, der mit Gewehr sein Geld verteidigt). Ab und zu melden sich jetzt sogar Millionäre zu Wort, die mehr Steuern zahlen wollen, nach dem Motto: Wieso rätselt die Politik, wo sie Geld herkriegt, wir haben doch so viel? Und daneben kommt die „Lügenzahl des Tages“ (klebt Überschrift „Zahl der Arbeitslosen steigt nur leicht“ auf). Was boomt, sind Mini- und Billiglohnjobs, aber wenn man sie auf Vollzeitstellen umrechnet, haben wir 1,8 Millionen Arbeitsplätze weniger als Anfang der 90er.

Die Linke sorgte zuletzt für Negativschlagzeilen: Castro-Glückwünsche, Mauerbau- und Kommunismus-Debatte. Viele Linke sehen darin eine Kampagne.

Wir hätten uns diese Debatten natürlich sparen sollen. In der Linken insgesamt stehen andere Themen im Vordergrund: Altersarmut, Hungerlöhne, Finanzkrise. Dazu haben wir Antworten, über die fast nichts berichtet wird.

Und darum profitieren Sie als Kapitalismuskritiker nicht von der Krise des Kapitalismus?

Wenn die Leute den Eindruck haben, trotz Börsenabstürzen und Schuldenkrise diskutiert die Linke über Mauerbau und Castro, bekommen sie natürlich Zweifel an unserer Zurechnungsfähigkeit.

Ihr Fraktionschef Gysi sagt, Sie hätten dazugelernt. Werden Sie jetzt seine Co-Fraktionschefin?

Es ist noch nicht endgültig klar, ob es in der Fraktion eine Doppelspitze geben wird. Man sollte sich nicht für Posten bewerben, die vielleicht gar nicht vakant sind.

Sie zögern, weil Sie wissen, dass Sie polarisieren. Angeblich warnen die Realos, wenn Wagenknecht Fraktionschefin werde, spalte sich die Fraktion.

Das ist völliger Quark. Wenn es eine Doppelspitze gibt, wird es sicher verschiedene Kandidatinnen geben und am Ende eine Mehrheitsentscheidung. So verstehe ich Demokratie.

Beneiden Sie die Grünen, weil deren Flügelkämpfe zwischen Realos und Fundis vorbei sind?

Nein, bei den Grünen sind die Fundis gegangen, heute sind sie eine Oberrealo-Pragmatiker-Partei, mit der alles zu machen ist, von Krieg bis Stuttgart 21. So darf die Linke nie werden. Eine Partei lebt auch davon, Strömungen zu haben. Sie dürfen nur das Gemeinsame nicht aus dem Auge verlieren.

Wieso haben die Grünen Sie als Dagegen-Partei abgelöst?

Haben sie das? Sie hatten das Glück, dass das Thema Atomausstieg mit ihnen verbunden wurde. Tatsächlich sind sie sich mit Merkel einig, den Ausstieg so lange aufzuschieben, bis die Atomlobby ihre Profite mit jedem Meiler im Trockenen hat. Wir müssen aber auch als Linke aufpassen, dass mit uns Protest und Aufbegehren verbunden bleibt – auch da, wo wir mitregieren.

Wie soll das gehen? Mit einer Regierungspartei kann man ja nicht Opposition verbinden.

Doch. Als linke Partei muss man beides machen: Regieren und trotzdem die ermutigen, die sich wehren. Auch, um in der Regierung mehr durchzusetzen. In NRW war eine Bedingung der Grünen für Rot-Rot-Grün, dass unsere Basis nicht gegen die Regierung protestiert. Das war für uns völlig inakzeptabel. Wenn man in der Regierung bestimmte Dinge nicht durchsetzen kann, etwa die Offenlegung der Verträge zur katastrophalen Wasserprivatisierung in Berlin, und dann gibt es ein Volksbegehren, muss man natürlich zu den ersten gehören, die das unterstützen. Als Bundespartei haben wir das getan.

Das ist doch nicht zu vermitteln: Die Bundespartei ruft zu Protest gegen Landesregierungen mit eigenen Leuten auf?

Nicht gegen die Landesregierung – gegen die SPD, die mauert. Wir dürfen mit solchen Regierungsprojekten nicht unsere Glaubwürdigkeit verspielen.

Was soll noch in Ihre Zeitung?

Ein Artikel darüber, dass in Libyen gerade wieder deutsche Waffen der Firma Heckler & Koch gefunden wurden. Eine unsägliche Heuchelei, so zu tun, als sei man der große Bekämpfer der Diktatoren, und sie zugleich zu beliefern. Ich glaube der Regierung nicht, dass sie davon nichts weiß (klebt einen FR-Artikel zu Libyen auf). Der Artikel relativiert auch die unkritische Berichterstattung über die Aufständischen, die jetzt Jagd auf Menschen dunkler Hautfarbe machen. Es geht da nicht allen um Demokratie. Manche haben eng mit den Nato-Mächten kooperiert und sollen jetzt dafür sorgen, dass das Öl fließt.

Ein kleiner Platz bleibt noch.

Den gebe ich George Clooney und seinem neuen Film (schneidet Rezension aus der FR aus).

Finden Sie den toll?

Er ist einer der Stars, die sich immer wieder auch gesellschaftskritisch zu Wort melden. Er ist natürlich auch ein toller Schauspieler und sieht gut aus. Aber das alleine hätte mich jetzt nicht dazu gebracht, ihn auf die Seite zu nehmen. In seinem neuen Film spielt er einen Spitzenkandidaten der US-Demokraten, es geht um politischen Zynismus und zerbrochene Ideale.

Als Clooney-Fan schaffen Sie es vielleicht auch mal ins Vermischte. Sonst gelten Sie ja als unterkühlt. Ein Parteikollege sagt, mit Ihnen zu tanzen, sei wie eine Mauer im Arm zu haben.

Naja, das hängt vielleicht auch vom Tänzer ab. Ich finde Politiker peinlich, die vordergründig auf Kumpel machen und ständig mit einem künstlichen Lächeln herumlaufen. In den meisten Talkshows gibt es wenig zu lachen. Wie Claudia Roth voll auf Emotionen zu setzen, immer betroffen und aufgewühlt, ist ja auch Taktik. Ich bemühe mich, durch Argumente zu überzeugen.

 Sahra Wagenknechts ideale Zeitung
Sahra Wagenknechts ideale Zeitung

Interview: Grete Götze und Steven Geyer

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

US-Wahl

Washington wird künftig mehr verlangen

Von  |
Nach der ersten Redeschlacht hat Hilary Clinton den Vorteil auf ihrer Seite.

Clinton hat das TV-Duell, aber nicht die Wahl für sich entschieden. Sie wäre für Deutschland und die anderen EU-Staaten der bessere Partner. Die US-Politik wird sich ohnehin ändern. Der Leitartikel. Mehr...

Fall Jenna Behrends

Überfällige Sexismus-Debatte in der CDU

Der Berliner CDU-Landesparteichef Frank Henkel weiß, wie er mit seinen Parteikolleginnen umzugehen hat.

Sexismus ist nichts, was die Berliner CDU exklusiv für sich beansprucht. Er findet sich in Parteien, Unternehmen und Verbänden. Eine breite Debatte darüber ist lange überfällig. Der Leitartikel. Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung