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23. Mai 2013

Interview zu Assad und Syrien : "Die eigene Propaganda geglaubt"

Todenhöfer: Wahrscheinlich hat Assad mehr Anhänger als die Rebellen.  Foto: REUTERS

Westliche Politiker haben den syrischen Machthaber Assad zu lange unterschätzt, sagt der Publizist Jürgen Todenhöfer. Fast die Hälfte der Bevölkerung stehe weiter hinter ihm.

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Herr Todenhöfer, das syrische Militär scheint erstarkt, die Einnahme der strategisch wichtigen Stadt Al-Kusair nahe der libanesischen Grenze, die bislang von den Rebellen gehalten wurde, im Bereich der Möglichkeit. Wie erklären Sie sich diesen Wendepunkt im syrischen Bürgerkrieg, sieht man einmal von der Rolle der Hisbollah ab?

Diese Entwicklung ist nur für jene westlichen Politiker erstaunlich, die ihre eigene Propaganda geglaubt haben. Sie gingen davon aus, dass in Syrien wie in Tunesien, Ägypten und Libyen mehr als 90 Prozent der Bevölkerung gegen ihren Diktator kämpften. Aber in Syrien stehen noch mindestens 35 bis 40 Prozent der Menschen – Alawiten, Christen und der gemäßigte Teil der sunnitischen Mittelschicht – hinter Assad. Wahrscheinlich hat er sogar mehr Anhänger als die Rebellen. Die schweigende Mehrheit hält sich zurück, ob wir das wollen oder nicht. Die westliche Politik hat die syrischen Realitäten kontinuierlich falsch eingeschätzt.

Ist Assad deshalb nicht gestürzt?

Wahrscheinlich. Ein Teil der Bevölkerung steht wie eine Wand hinter ihm. Ich war sechsmal seit Beginn der Unruhen in Syrien und jedes Mal wieder erstaunt, wie viele Menschen sich noch immer zu ihm bekennen. Die Unterstützung für ihn steigt eher an, als Gegenbewegung zur Radikalisierung der syrischen Rebellen und zur Einmischung des Auslands.

"Unterstützung von Extremisten wurde abgenickt"

Wer kämpft in Syrien gegen wen?

Wir haben eine blutige Mischung aus einem Religionskrieg extremistischer Sunniten gegen Schiiten und Alawiten und einem Stellvertreterkrieg der USA, Saudi-Arabiens und Katars gegen Iran. Iran ist ihnen durch Bushs törichten Irakkrieg zu mächtig geworden. Hierfür wird die radikale Rebellengruppe al-Nusra, der syrische Al-Kaida-Ableger, von Saudi-Arabien und Katar gezielt mit Geld und Waffen unterstützt. Die Unterstützung extremistischer Rebellen ist von den Amerikanern schon kurz nach Beginn der Unruhen im Frühjahr 2011 stillschweigend abgenickt worden. Die amerikanischen Zauberlehrlinge haben aber nicht vorausgesehen, dass die Radikalisierung so weit gehen würde, dass am Ende al- Nusra und damit Al-Kaida die Führung des Aufstands übernehmen würde. Eine groteske Fehleinschätzung.

Stichwort Stellvertreterkrieg: Russland war und ist Syrien seit Jahrzehnten militärisch und wirtschaftlich verbunden. Wiederholt sich in Syrien ein Muster aus der Zeit des Ost-West-Gegensatzes?

In einem gewissen Sinn haben wir hier eine Fortsetzung des Ost-West-Konflikts. Für die Russen ist ihre Marine-Basis im syrischen Tartus ihr letzter Zugang zum Mittelmeer und zum Mittleren Osten. Dort liegen 70 Prozent der nachgewiesenen Ölvorräte der Welt. Washington will hier keine Russen, Syrer und Iraner als Störenfriede.

Wie ist das Verhältnis zwischen den Rebellengruppen al-Nusra und der Freien Syrischen Armee?

Wir haben in Syrien die größte Al-Kaida-Kampftruppe, die es jemals auf der Welt gab. Das sind nach Schätzungen demokratischer syrischer Oppositioneller mindestens 15.000 Mann, davon etwa ein Drittel ausländische Kämpfer. In Syrien gelten sie als die diszipliniertesten, todesmutigsten Rebellen. Sie bekommen viel Geld – ein Kämpfer wird mit über 300 Dollar pro Monat bezahlt. Das ist dort viel Geld. Und Al-Kaida hat dazu gelernt. Sie organisiert zum Beispiel in bestimmten Stadtvierteln von Aleppo die Lebensmittel-Versorgung. Das macht sie bei manchen Bevölkerungsschichten inzwischen sogar beliebt.

"Saudi-Arabien ist weiter von Demokratie entfernt wie Syrien"

Die Freie Syrische Armee bekommt vor allem aus Katar Geld, 150 Dollar pro Kämpfer im Monat. Die Radikalisierung hat aber auch die FSA erfasst, weil sie die Erfolge der al-Nusra sieht. Die wollen inzwischen teilweise auch einen „islamischen Gottesstaat“ Ganz am Anfang der Proteste im Frühjahr 2011 gab es noch eine echte demokratische Bewegung eines Teils der sunnitischen Bevölkerung. Vor allem in den Vorstädten und auf dem Land. Die spielt aber jetzt keine Rolle mehr.

Was ist die Lösung ?

Die Amerikaner sollten mit beiden Seiten in Syrien sprechen – sowohl mit Assad als auch mit den Rebellen. Der erste und wichtigste Schritt zu einer Friedenslösung wäre das sofortige Einstellen aller Waffenlieferungen und Geldzahlungen aus Saudi-Arabien und Katar, aber dann auch aus Russland und Iran. Vielleicht erreichen wir dann doch noch eine friedliche demokratische Lösung in Syrien. Aber ich bin nicht überzeugt, dass Saudi-Arabien und Katar das wollen. Die wollen ja auch keine Demokratie in ihren Ländern. Die sind weiter von Demokratie entfernt als Syrien.

Fühlen Sie sich in Ihren Einschätzungen zu Syrien durch die Entwicklungen bestätigt?

Leider ja. Ich bin ausgelacht worden, als ich gesagt hatte, Assad werde nicht sofort fallen oder als ich gesagt hatte, es gebe Al-Kaida-Kämpfer in Syrien. Jetzt hat der Westen in Syrien wieder einmal ein politisches Chaos angerichtet. Ähnlich wie im Irak.

Das Gespräch führte Peter Seidel.

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