Frankfurter Rundschau: Gorleben ist erneut in den Schlagzeilen. Die Endlager-Experten des Bundes haben bereits in den 80er Jahren darauf gedrungen, wegen möglicher Sicherheitsprobleme eines Endlagers in dem Salzstock dort auch Alternativen zu erkunden. Gibt es andere Standorte, die günstigere Voraussetzungen bieten?
Florian Emrich: Gorleben war vor Jahren gesetzt, weil man sich in Deutschland frühzeitig alleine auf Salz als mögliches Endlagergestein konzentriert hat. Gorleben hat viele Geburtsfehler, die mit einem heutigen transparenten und ergebnisoffenen Verfahren nicht vereinbar sind und ist deshalb umstritten. Der heutige Standard ist ein Vergleich verschiedener Alternativen, bei dem Ton, Granit und andere Salzformationen verglichen werden.
Eine neue Studie des Kieler Geologen Ulrich Scheider besagt: Gorleben droht abzusaufen wie das Bergwerk Asse. Ist das realistisch?
Nach jetzigem Stand: Nein. Bei Gorleben haben wir eine andere Situation als in der Asse. Gleich ist die Tatsache, dass es sich bei beiden um Salzformationen in tiefen geologischen Schichten handelt. Die Asse wurde allerdings über viele Jahre kommerziell als Bergwerk ausgebeutet. Dabei wurde die Barrierefunktion des Salzes zerstört. Gorleben ist dagegen für die Erkundung neu gebaut worden und nicht durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Zudem haben wir in der Asse bereits konkret die Gefahr, dass Wasser seit Jahrzehnten in das Bergwerk einfließt, weil die Salzbarriere beim Abbau zerstört wurde.
Die Erkundungsarbeiten in Gorleben ruhen seit 2000, doch die Pläne für eine neue, offene Endlagersuche scheiterten. Wie sollte eine neue Bundesregierung nach der Wahl vorgehen?
Das BfS spricht sich dafür aus, dass man nach dem Stand von Wissenschaft und Technik vorgeht. Das ist ein systematisches und transparentes Vorgehen, bei dem Alternativen verglichen werden. Die Länder, die bei der Endlagerung am weitesten fortgeschritten sind, gehen so vor, wie Schweiz, Schweden oder Finnland. Es ist und bleibt letztendlich aber Aufgabe der Politik, die Vorgaben für die weitere Endlagerung zu machen, ob man weiter alleine auf Gorleben setzt oder Alternativen erkundet. Für den meisten Teil der Abfälle, haben wir das Problem der Endlagerung gelöst. 2014 soll Schacht Konrad als Endlager für schwach- und mittelaktive Abfälle in Betrieb gehen. Es wurde in einem umfangreichen atomrechtlichen Planfeststellungsverfahren genehmigt.
Die Energiewirtschaft sperrt sich gegen eine neue Endlagersuche, weil Gorleben schon 1,5 Milliarden Euro gekostet hat. Ist das kein Argument?
Selbstverständlich geht es darum, alle Erkenntnisse zu berücksichtigen, die bisher gewonnen wurden, aber ökonomische Interessen dürfen nicht alleine im Vordergrund stehen. Aus diesem Grund verbietet es sich auch, Abfälle ins Ausland zu schicken. Wenn ein Land die Einlagerung radioaktiver Abfälle anbietet, dann nur aus ökonomischem Interesse. Deshalb muss das Problem im eigenen Land gelöst werden.
Eine Erkundung weiterer Standorte wäre teuer.
Bei einem Standortvergleich würde man einige Standorte oberirdisch erkunden und dann ein bis zwei unterirdisch erkunden. Diese Untersuchung würde heute wesentlich günstiger als dies bei Gorleben der Fall war, weil hier mit hohem Aufwand ausgebaut wurde. Die Kosten in Gorleben sind somit höher, als es allein für eine Erkundung im Rahmen eines solchen Verfahrens notwendig ist.
Würde eine neue Suche kein Zeitproblem bringen? Schließlich fällt laufend neuer Atommüll an.
Grundlage für eine Lösung der Endlagerfrage ist gerade, dass die Abfallmengen, die noch entstehen, begrenzt werden. Der Atomkonsens hat das Problem handelbar gemacht und ermöglicht, dass das Problem erst wieder diskutiert werden konnte. Derzeit haben wir nur einen einzigen Standort im Rennen. Dadurch, dass dieser nicht systematisch untersucht wurde, gibt es erheblichen Widerstand dagegen. Gorleben wurde bereits 1977 ausgewählt, heute haben wir immer noch kein Endlager. Das zeigt, dass die Konzentration auf einen Standort das Verfahren nicht beschleunigt. Selbst wenn man heute die Erkundung in Gorleben wieder aufnehmen würde, würde ein Vergleich mit anderen Alternativen zu keiner Verzögerung führen. Eine Eignungsaussage für Gorleben kann man in frühestens 15 Jahren haben, selbst wenn wir heute mit der Erkundung fortführen.
Wie bewerten Sie neue Hinweise, Gorleben sei vom damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht auch aus politischen Gründen ausgesucht worden?
Grundlage für die Akzeptanz eines Standortes ist, dass das Verfahren transparent verläuft. Tatsache ist, dass bis heute nicht nachvollziehbar ist, wie es zur Wahl von Gorleben kam.
Ist Gorleben dadurch nicht ohnehin unhaltbar geworden?
Wie es mit Gorleben weiter geht und wie Ergebnisse bewertet werden, ist eine politische Entscheidung. Es gibt derzeit kein Kriterium, das sagt, Gorleben ist ungeeignet und keines das sagt, es ist geeignet. Bis zu einer Eignungsaussage benötigen wir noch mindestens 15 Jahre. Dafür benötigen wir die Planungssicherheit, die über legislatur- und parteiübergreifend gültig ist.
Interview: Joachim Wille
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