Herr Pfitzmann, was bringen Kinderporno-Sperren im Netz?
Den Kindern bringen sie leider fast nichts. Den Politikern bringen sie, dass sie einer Öffentlichkeit, die von Technik wenig versteht, erzählen können, sie hätten etwas Sinnvolles getan.
Andreas Pfitzmann, Jahrgang 1958, ist Professor für Datenschutz und Datensicherheit an der Technischen Universität Dresden.
Kinderporno-Sperren im Web hält er für einen "PR-Gag": Wer sie umgehen wolle, könne das leicht tun.
Was ist so sinnlos daran?
Sperren im Internet - egal, wie man sie macht - sind nicht wirkungsvoll. Im konkreten Fall gilt das erst recht, denn um eine DNS-Sperre zu umgehen, muss ein normaler Internetnutzer auf seinem Rechner nur einen anderen DNS-Server, beispielsweise im Ausland, eintragen. Dafür braucht es genau einen Eintrag in ein Feld. Damit ist die Sperre komplett umgangen. Zu unterstellen , dass Leute, die Kinderpornografie ansehen wollen, nicht wissen, wie sie dieses eine Feld ändern, ist mit Verlaub dumm. Das heißt, hier wird nur symbolische Politik betrieben.
Frau von der Leyen behauptet, man könne 450 000 Zugriffe täglich auf kinderpornographische Websites verhindern.
Ich frage mich, wie sie auf diese Zahl kommt. Sind das Menschen, die diese Zugriffe tätigen wollen? Dann wäre das eine erschreckend hohe Zahl. Oder sind es, wie ich glaube, Suchmaschinen? Also Roboter, die das Netz möglichst vollständig durchsuchen, um danach Suchanfragen effizient beantworten zu können? Dann wären Frau von der Leyen und ihr Umfeld einem großen Irrtum aufgesessen.
Die Justizministerin hat sehr früh davor gewarnt, diese Sperren könnten künftig auch die Kommunikation von Millionen unbescholtener Internetnutzer filtern. Hat sie Recht?
Ja. Wann immer man im besten Sinne versucht, gezielt bestimmte Inhalte zu sperren, gibt es Fehler und Missverständnisse. Dann werden natürlich auch andere Dinge gesperrt.
Es heißt, andere Länder wie Norwegen oder Dänemark arbeiteten erfolgreich mit Sperren. Können Sie das bestätigen? Was ich bestätigen kann ist, dass die Leute sich hinstellen und sagen, wir haben Erfolg. Ich bezweifle den Erfolg. Nur die Zugriffe von Suchmaschinen zu verhindern, kann ich nicht als Erfolg werten. Außerdem: Den Zugriff auf Kinderpornographie zu unterbinden, ist doch eigentlich nur ein sekundäres Phänomen. Das Hauptproblem ist, dass Kinder missbraucht werden. Dagegen müsste man auf ganz anderen Ebenen vorgehen.
Nämlich?
Sehen Sie sich beispielsweise an, wie in Deutschland die Jugendämter ausgestattet sind. Ich habe von Fällen gehört, wo ein Halbtagsbeschäftiger für 150 Problemfamilien zuständig ist. Also: Jugendämter besser ausstatten. Außerdem sollten wir die Erwachsenen in unserem Land aufklären, woran sie erkennen, dass Kinder misshandelt und missbraucht wurden. An wen kann ich mich diesbezüglich wenden? Wie gehen wir damit um? Was wir schließlich tun müssen, ist, Kindern in der dritten Welt zu helfen. Wie schaffen wir es, dass die Menschen dort zumindest Grundnahrungsmittel und Überlebenschancen haben, ohne dass sie ihre Kinder verkaufen? Das ist dann eine Aufgabe von Entwicklungspolitik.
Die viel mehr kostet als eine Internet-Sperre. Wenn wir Kindern helfen wollen - wofür ich sehr, sehr bin - dann kostet das nun mal ernsthaft viel Geld. Die Politik setzt jetzt stattdessen mit Spielgeld eine nicht ernsthafte Maßnahme durch, quasi als PR-Gag. Das finde ich schlimm.
Interview: Jörg Schindler
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