Herr Ministerpräsident, die Kurden werden von einigen Seiten für die Verfolgung der Christen im irakischen Mossul verantwortlich gemacht. Ist da etwas dran?
Es ist nicht in unserem Interesse, dass die Christen in Mossul vertrieben werden. Denn sie koalieren mit uns Kurden. Wenn sie nicht mehr in Mossul sind, dann verliert unsere dortige Liste ihre Sitze in den Räten, was uns schaden würde. Wir unterstützen die Christen seit Jahren. Unsere Unterstützung für die Christen ist keine politische Unterstützung; sie ist vielmehr eine ethische. Es geht dabei nicht um die Zahl der Christen, sondern darum, dass sie historische Wurzeln hier in Kurdistan haben. Als das Saddam-Regime unsere Dörfer zerstört hat, hat man nicht gefragt, in welchen Dörfern Kurden, Christen oder Yeziden leben. Schon als die Christen nach dem Sturz Saddam Husseins aus Bagdad und Basra vertrieben wurden, haben wir hier in Kurdistan unsere Tore für sie geöffnet.
Was haben Sie für sie getan?
Wir haben den Christen in den kurdischen Provinzen Erbil, Sulaimania und Duhok Wohnmöglichkeiten gegeben und für jede Familie ein Monatsgehalt bestimmt. Außerdem haben wir seitdem hundert zerstörte Dörfer der Christen wiederaufgebaut.
Was haben Sie für die Integration der Christen und anderer Minderheiten in Kurdistan getan?
Diese Phase ist bereits abgeschlossen. Sowohl die Christen als auch die Turkmenen haben eigene Kulturzentren, eigene Medien, sie können in ihren eigenen Schulen in ihren eigenen Sprachen unterrichtet werden. Auch wichtige Posten in den Regierungsinstitutionen in Kurdistan werden von Christen bekleidet.
Wie viele Christen sind nach Kurdistan geflüchtet?
Es sind etwa 20 000. Man kann also davon ausgehen, dass zwischen achtzig- und hunderttausend Christen in Kurdistan aufgenommen worden sind.
Kann die kurdische Regionalregierung die Probleme der Christen und anderer Minderheiten im Irak allein lösen? Wie können Europa und vor allem Deutschland helfen?
Als wir den Christen geholfen haben, ist keiner hierher gekommen und hat gefragt, ob wir Hilfe benötigen. Auch die Zentralregierung in Bagdad hat keine praktische Hilfe geleistet. Die verfolgten Christen und auch andere Volksgruppen sind auf langfristige Hilfen angewiesen, damit sie in ihre Gebiete zurückkehren können. Wir wünschen uns nur eins: Dass die Welt die Fakten hier kennt. Wir laden die ganze Welt ein, sich hier ein Bild von der Lage zu machen.
Welche Modelle sehen Sie für die Zukunft der Christen und anderer Minderheiten im Irak als geeignet?
Wir sind gerade dabei, die Verfassung für die Region Kurdistan zu schreiben. In der Verfassung sollen die Rechte dieser Nationen - wir bezeichnen sie nicht als Minderheiten - garantiert werden. Jede Volksgruppe soll selbst über ihren Schicksal bestimmen können. Ich befürworte ein Modell des Selbstregierens. Wir legen großen Wert darauf, dass in Kurdistan jede Volksgruppe geschützt ist. In Kurdistan leben nicht nur Kurden. Wir verwenden den Begriff der Kurdistanis, das heißt, alle in Kurdistan lebende Volksgruppen.
Welche Vorteile erhoffen Sie sich davon, dass Sie den Christen helfen?
Wir tun dies zunächst aus ethischen und dann aus historischen und politischen Gründen. Uns verbindet das gleiche Schicksal.
Interview: Siruan Hadsch-Hossein
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