Frankfurter Rundschau
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Interview zur Hochmoselbrücke
„Die Grünen haben sich vorführen lassen“
Ernst Loosen
 Foto: privat
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Der Bernkasteler Winzer Loosen über den Bau der Hochmoselbrücke, die Gefahren für die Weinberge und seine verhängnisvolle Wahlentscheidung

Herr Loosen, wie haben Sie erfahren, dass die Hochmoselbrücke doch gebaut wird?

Ehrlich gesagt war ich morgens nicht dazu gekommen, die Zeitung zu lesen, weil ich eine Gruppe amerikanischer Kunden zu Besuch hatte. Im Weinberg sprach mich unser US-Geschäftsführer darauf an. Der hatte das im Internet gelesen. Ich wollte es zuerst nicht glauben.

Und Ihre Geschäftspartner?

Die sind alle schockiert. Wir haben ja auf unserer Homepage eine Rubrik: „Stop The Mosel Bridge!“ Viele Kunden in Großbritannien und den USA haben daran regen Anteil genommen und sich übers Internet an Aktionen beteiligt. Unser Importeur in Großbritannien hat ein Jahr lang unsere Flaschen mit einem Protest-Sticker verkauft. Die können alle nicht verstehen, wie leichtfertig in Deutschland eine Kulturlandschaft geopfert wird. Das wäre in Frankreich undenkbar. Da hat Weinbau noch einen Stellenwert.

Sie sind kein klassischer Grünen-Wähler.

Nein. Ich hab’ die zum ersten Mal gewählt. Und ich hab’ sogar meine ganze Familie überzeugt, da ihr Kreuzchen zu machen, weil die Grünen seit Jahren die bescheuerte Brücke abgelehnt haben.

Wie fühlen Sie sich nun?

Traurigerweise fühlt man sich bestätigt, dass Politik überall gleich ist. Ganz egal, ob es CDU, SPD, FDP oder Grüne sind: Am Ende wollen sie nur an die Macht.

Haben Sie das nicht insgeheim befürchtet?

Also, etwas mehr Standfestigkeit hätte ich den Grünen schon zugetraut. Die haben sich ja wie kleine Schuljungen vorführen lassen.

In einer Koalition muss man Kompromisse schließen.

Selbstverständlich. Ich bin kein Fantast. Aber eine Partei, die 20 Jahre lang gegen ein Projekt kämpft und hier vor Ort vor allem durch dieses Thema groß geworden ist, darf nicht einfach so umfallen. Die haben ja nicht einmal wie bei Stuttgart 21 irgendeinen Pflock bei den Kosten eingeschlagen, obwohl die Brücke garantiert am Ende nicht 330 Millionen, sondern eher 500 Millionen Euro kosten wird. Selbst für den Nürburgring hier in Rheinland-Pfalz wurde eine Wirtschaftlichkeitsprüfung vereinbart. Aber bei der Hochmoselbrücke – nichts!

Das Geld kommt halt größtenteils vom Bund.

Das muss auch jemand bezahlen. Außerdem sind noch viele andere Fragen offen. Zum Beispiel, wie es mit der Grundierung der gigantischen Brückenpfeiler aussieht, ob die Verkehrsprognosen auch nur halbwegs realistisch sind und inwieweit die Trasse für den Zubringer den Wasserhaushalt der Weinberge beeinflusst. Das ist nie vernünftig untersucht worden. Deshalb haben die Grünen immer Gutachten gefordert. Davon ist keine Rede mehr. Ich habe das Gefühl, dass der alte Fuchs Beck die Grünen total über den Tisch gezogen hat.

Welche Auswirkungen erwarten Sie nun auf den Weinbau und den Tourismus in der Region?

Das ist ein brachialer Eingriff in die Natur. Wir fürchten, dass uns die Trasse das Wasser abgräbt bei einigen der weltbesten Riesling-Lagen. Und die Touristen werden einen weiten Bogen um das Monster-Bauwerk machen. Schon jetzt gibt es Zuschriften von empörten Gästen. Das ist ein Trauerspiel.

Hat sich der Protest erledigt?

Überhaupt nicht. Es wird lautstark weitergemacht. Zumindest müssen diese Gutachten erstellt werden, bevor weitergebaut wird.

Werden Sie sich notfalls vor die Bagger stellen?

Das weiß ich nicht.

Können Sie sich vorstellen, noch mal die Grünen zu wählen?

Das meinen Sie ironisch, oder?

Interview: Karl Doemens

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