London. Am Montag platzte Sir Ken MacDonald der Kragen: Der angesehene frühere Chef der britischen Strafverfolgungsbehörden ließ alle diplomatischen Gepflogenheiten fahren. Ex-Premierminister Tony Blair sei ein "Speichellecker" gewesen, polterte MacDonald ungehalten. Blair habe, um dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush zu Gefallen zu sein, das eigene Land mit "alarmierender List" irregeführt, und die Briten "in einen tödlichen Krieg hineingeredet". Washington habe Blair "den Kopf verdreht", fuhr MacDonald fort. In der Folge habe Bushs williger britischer Partner eine Invasion unterstützt, die zu "einer außenpolitischen Schande epischer Proportionen" wurde.
Den Zorn etlicher Landsleute - und vieler Parteifreunde - hatte sich Tony Blair am Wochenende zugezogen, als er in einem Fernsehinterview eine erstaunliche Aussage machte.
Er wäre, gestand Blair, auch dann in den Krieg gegen den Irak gezogen, wenn er nicht geglaubt hätte, dass Saddam Hussein sich im Besitz bedrohlicher Waffen befand: "Ich hätte es auch dann für richtig gehalten, ihn loszuwerden." In einem solchen Fall "hätte man natürlich andere Argumente über die Art der Gefahr benutzen" müssen, die Saddam für die weitere Welt darstellte.
Tatsächlich hatte Blair die Notwendigkeit einer Invasion stets mit Saddams "Massenvernichtungswaffen" begründet, die seiner Ansicht nach auch Großbritannien bedrohten. Schon im Juli 2002, acht Monate vor der Invasion, hatte der britische Generalstaatsanwalt Lord Goldsmith Blair deutlich gemacht, dass "der Wunsch nach einem Regimewechsel allein keine legale Basis für eine militärische Aktion" darstelle. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass es die betreffenden Waffen gar nicht gab, bezog sich Blair mehr und mehr darauf, dass "immerhin" die Welt "von einem Diktator befreit" worden war.
Die Mehrheit herbeigelogen
Mit "Überraschung" nahm Blairs jüngste Äußerungen Labours jetziger Verteidigungsminister Bob Ainsworth auf. Ainsworth, der 2003 einer der Fraktionschefs der Partei war und mitgeholfen hatte, eine Mehrheit für den Kriegsbeschluss im Parlament zu mobilisieren, besteht nun darauf, dass er den Irak-Krieg "nur auf der Grundlage der damaligen Argumente" unterstützt habe. Sir Menzies Campbell, zur Zeit der Invasion Chef der Liberaldemokraten, die den Krieg ablehnten, ist der Überzeugung, dass Blair mit "anderen" Argumenten "keine Mehrheit im Unterhaus bekommen hätte".
Auch Hans Blix, seinerzeit UN-Inspektionschef im Irak, ist zu dem Schluss gekommen, dass Tony Blair die nichtexistenten Waffensysteme "als nützliche Rechtfertigung" für einen schon beschlossenen Krieg heranzog. Tony Blair, so legten es mehrere Zeugen bei der gegenwärtig in London laufenden Irak-Anhörungen nahe, habe George W. Bush bereits 2002 versichert, dass er in jedem Fall an der Invasion teilnehmen werde. Blair selbst soll Anfang des nächsten Jahres als Zeuge vor dem Ausschuss auftreten.
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