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17. Juni 2014

Irak-Krise: "Nur eine militärische Rolle"

 Von Michael Hesse
Schiitische Anti-Isis-Freiwillige jeden Alters.  Foto: AFP

Die Erfolge der Isis erklären sich ganz einfach: Die Dschihadisten sind Marionetten alter Saddam-Parteigänger. Der Publizist Jürgen Todenhöfer erläutert die Erfolge der Isis und benennt ihre eigentlichen Drahtzieher.

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Herr Todenhöfer, Bagdad bereitet sich auf den Angriff der Dschihadisten vor, heißt es. Wer steckt hinter diesem völlig überraschenden Vormarsch?
Eine Fehleinschätzung von Politikern und Medien, die den Irak nicht kennen. Die Terrororganisation Isis spielt nur scheinbar die alles überragende Rolle. Der Aufstand wird in Wirklichkeit überwiegend vom FNPI getragen, dem „Nationalen, Panarabischen und Islamischen Widerstand“ des Irak. Das ist eine säkulare Koalition mehrerer Gruppen, die schon mit großem Erfolg gegen die US-Armee gekämpft haben. Dieser irakische Widerstand, bei dem ich 2007 im umkämpften Ramadi eine Woche verbrachte, ist von den USA jahrelang systematisch totgeschwiegen worden, obwohl er ihr Hauptfeind war. Er hat sie letztlich aus dem Irak vertrieben.

Sie sagen, die meisten seien gar keine Dschihadisten, sondern säkulare Kämpfer?
Ja natürlich. Ich habe in den letzten Tagen mehrfach mit Führern des FNPI gesprochen. Nach ihrer Auffassung spielt Isis als Juniorpartner des Aufstands zwar militärisch eine wichtige Rolle. Diese Dschihadisten aus aller Welt verbreiten wegen ihres Todesmuts und ihrer Härte Furcht und Schrecken. Das hat große psychologische Wirkung. Diese Leute sind außerdem medial begabt. Ihre schwarze Fahnen sind überall präsent und erwecken den Eindruck, sie beherrschten das gesamte Gefechtsfeld. Für TV-Kameras sind das attraktive Bilder. Aber mit ihren etwa 1000 Mann vor Mossul hätten sie in der fast Zwei-Millionenstadt keine Chance. Der Nationale Widerstand hingegen ist in Mossul mit über 20 000 Mann präsent und wird von der Bevölkerung getragen.

Wer genau ist dieser irakische Widerstand?
Der FNPI rekrutiert viele Leute aus der früheren irakischen Elite Führer der Armee und Verwaltung, die einst – auch mangels Alternativen – Saddam Hussein dienten. Sie besitzen viele Waffen und sind sehr gut vernetzt. Es sind Leute, die vom US-Zivilverwalter Paul Bremer nach dem Einmarsch frist- und hirnlos entlassen wurden. Er löste damals die Armee und große Teile der Verwaltung einfach auf. Nicht nur Sunniten, auch viele Schiiten, die gesamte Verwaltungs-Elite des Landes, wurde davongejagt, wenn sie der Baath-Partei angehörten. Und das war bei den meisten der Fall. Die sozialistische Baathpartei war nun mal die einzige Partei, an der man nicht vorbeikam, wenn man in Armee oder Verwaltung Karriere machen wollte.

Was heißt das für Mossul?
Das überwiegend sunnitische Mossul hatte immer Sympathien für den Nationalen Widerstand. Zu den jetzt über 20 000 bewaffneten Kämpfern des FNPI können schon morgen 30 000 weitere hinzustoßen. Aber auch die 1000 internationalen Isis-Kämpfer könnten weiteren Zulauf bekommen. Doch sie haben eben noch das zweite Kampffeld Syrien, das sie nicht einfach aufgeben werden. Dort sind sie noch stärker als im Irak. Das militärische Zweckbündnis zwischen Isis und FNPI ist allerdings sehr labil. Da haben sich Feuer und Wasser zusammengetan. Isis will einen Gottesstaat, der FNPI eine säkulare Demokratie. Wie schnell so ein Bündnis scheitern kann, hat sich 2007 gezeigt, als der Nationale Widerstand Al-Kaida, mit der er zeitweise militärisch kooperierte, einfach davon jagte. Die Iraker werden sich nicht von Ausländern regieren lassen.

Zur Person

Jürgen Todenhöfer, Publizist, war CDU-Bundestagsabgeordneter. Er ist Kenner des Nahen Ostens.

Warum kämpft der FNPI gegen die eigene Regierung?
Weil Ministerpräsident Nuri al-Maliki vor allem Sunniten und Baathisten weitgehend von echter politischer Teilhabe ausgeschlossen hat und sie täglich diskriminiert. Inzwischen bekommt der FNPI zudem Unterstützung von Bevölkerungsteilen, die wirtschaftlich unzufrieden sind, und unter der Instabilität des Landes leiden. Der Irak ist auf dem Weg zum gescheiterten Staat.

Wenn das aber Hussein-Leute sind: Sein Regime war nicht gerade menschlich…
Der FNPI ist keine Nachfolge-Organisation. Er will neue Wege gehen, hat sich geöffnet, liberalisiert und strebt eine Demokratie an. Er will eine neue Seite der Geschichte aufschlagen. Die Vergangenheit ist nicht sein Vorbild.

Wie stark ist der irakische Widerstand? Hat er die Chance, Bagdad einzunehmen?
Ob Bagdad eingenommen wird, kann ich nicht beurteilen. Dass allerdings drei Elitebrigaden kampflos überlaufen, ist bemerkenswert. Doch jetzt wird die Gegenreaktion des Maliki-Regimes kommen und damit wächst die Gefahr eines Bürgerkriegs.

Droht denn wirklich eine Spaltung des Irak?
Maliki ist gescheitert. Der Irak hat nur eine Zukunft, wenn es eine echte innere Aussöhnung im Land gibt. Davon dürfen nur Leute ausgenommen werden, die schwere Straftaten begangen haben. Aber nicht, weil sie einer Partei oder einer Konfession angehört haben oder angehören. Ich habe den Eindruck, wichtige Politiker im Iran sehen das ähnlich.

Wie kann diese Aussöhnung ermöglicht werden?
Vor dem Vormarsch hätte ich gesagt, das muss durch Verhandlungen mit Maliki geschehen. Jetzt bezweifle ich das. Maliki scheint verbrannt.

Seine POlitik verheert den Irak: Nuri al-Maliki.  Foto: dpa

Der Nachbar Iran wird einer Absetzung Malikis kaum tatenlos zusehen.
Iran hat zur Zeit eine kluge Regierung. Sie kann kein Interesse daran haben, dass der Ministerpräsident des Irak von mehr als einem Drittel des Landes boykottiert wird und dass bürgerkriegsähnliche Zustände entstehen. Die Aussöhnung liegt also auch im iranischen Interesse. Zur Lösung der komplizierten politischen Probleme des Irak plädiere ich für eine internationale Konferenz. Unter Teilnahme des UN-Sicherheitsrats. Sonst kommen der Irak und der Mittlere Osten nicht zur Ruhe. Führende Mitglieder des FNPI haben mir gesagt, dass sie so eine Konferenz begrüßen würden. Sie läge auch im westlichen Interesse. Was sich in Syrien und im Irak abspielt, entwickelt sich zunehmend zu einer Weltkrise. Einigen Schlafwandlern des Westens scheint das noch immer nicht klar zu sein.

Nun wird über ein Eingreifen der Amerikaner gesprochen. Kann das das Land befrieden?
Den Amerikanern kann ich nur raten, sich militärisch rauszuhalten. Über eine halbe Million Iraker haben in ihrem Lügenkrieg nach neueren Untersuchungen von US-Universitäten ihr Leben verloren. Was wollen die USA in einer Großstadt zum Beispiel mit Drohnen? Ich war vor einer Woche in der Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan. Alle nicht von den USA finanzierten Experten gehen davon aus, dass unter den 3500 durch Drohnen getöteten Menschen gerade mal 30 erwähnenswerte Militante waren – weniger als 1 Prozent. Über 90 Prozent der Getöteten waren Zivilisten. Mossul kann man nicht mit Drohnen angreifen. Der Anteil der getöteten Zivilisten würde weit über 90 Prozent betragen. Dasselbe gilt für Bombenangriffe. Die USA würden damit Isis geradezu einen Gefallen tun. Wenn sie die zum Märtyrertod bereiten Dschihadisten angreifen, machen sie sie zu Helden. Darauf warten die nur. Was in diesen Tagen von US-Politikern über den Irak geäußert wird, ist schlicht ignorant. Und einen Flugzeugträger mit dem Namen „George H. W. Bush“ Richtung Irak zu schicken, ist auch nicht gerade ein Zeichen politischer Sensibilität

Interview: Michael Hesse

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